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Nordfriesland Tageblatt

11. Dezember 2016 | 07:10 Uhr

Schandfleck in Niebüll : Der Stadt fehlt die Handhabe

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Seit Jahren verschlechtert sich der Zustand des ehemaligen Motels Christiansen am Bahnhof – der Eigentümer möchte nicht verkaufen.

„Aus städtebaulicher Sicht ist dieses Objekt in einem ziemlich beklagenswerten Zustand“, sagt Wilfried Bockholt. Damit meint Niebülls Bürgermeister den mit roten Backsteinen ummantelten Gebäude-Komplex direkt am Bahnübergang an der Gather Landstraße – schräg gegenüber der Gleise des so intensiv genutzten Niebüller Bahnhofs. Offensichtlich wird diese Immobilie in exponierter Lage schon seit einigen Jahren nicht mehr instand gesetzt: Mehrere Fenster sind eingeschlagen, Regen, Wind und Kälte dringen durch sie in das Gebäude. An einigen Stellen sind Schäden sichtbar, ein Rohr ragt aus einem Mauerwerk, der Garten wuchert offensichtlich seit längerer Zeit vor sich hin. Der Fokus auf das herunter gekommene Haus – das ehemalige „Motel Christiansen“ – wird in jüngster Zeit noch dadurch erhöht, dass direkt vor dem Komplex Fußgänger, Rad- und Autofahrer häufig lange vor den geschlossenen Schranken warten müssen. Diese unfreiwilligen Wartezeiten sind den Rangier-Arbeiten des Sylt-Shuttle-Plus geschuldet. Viele Passanten, Auto-, Zug- oder Autozugfahrer fragen sich seit Jahren beim Vorbeigehen oder Vorbeifahren: Warum passiert mit diesem Schandfleck nichts?

„Die Eigentumsverhältnisse für dieses Haus sind nicht mal kompliziert“, sagt Wilfried Bockholt. Den Eigentümer nennen, darf der Bürgermeister nicht. Denn das Objekt ist im Privatbesitz. Wenn der Eigentümer das Gebäude also lieber verfallen lassen möchte, statt es zu nutzen, so sei das sein gutes Recht. Es habe laut Bockholt einige Versuche gegeben, die Immobilie in so kostbarer Lage in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, der das Tor nach Sylt ist, einer Nutzung und damit auch einem besseren optischen Zustand zuzuführen. Projektentwickler haben Pläne und Finanzierungskonzepte erstellt und vorgestellt. Doch der Eigentümer wollte nicht verkaufen, ging auf diese Anfragen nicht ein. Angedacht war auch, den Hebel über den Denkmalschutz anzusetzen. „Doch das Haus steht bisher nicht unter Denkmalschutz und dazu wird es wohl auch nie kommen“, schätzt der Bürgermeister. Auch planungsrechtlich sei das Grundstück mit Wohngebäude und einer Garagen-Anlage eine Herausforderung. „Das würde kompliziert, die Lage direkt zwischen Bahngleisen und der Zufahrt zum Bahn-Bauhof der DB – da würde der Lärmschutz eine große Rolle spielen“, sagt Bockholt. Für das Areal müsste ein eigener Bebauungsplan aufgestellt werden. „Es macht zudem keinen Sinn, politisch irgendein Planungsrecht zu schaffen, ohne zu wissen, welche Nutzung überhaupt angedacht ist“, erläutert der Bürgermeister.

Die einzige Handhabe, die die Stadt hätte, um behördlich einzuschreiten, wäre, wenn eine öffentliche Gefährdung von dem Gebäude ausginge, sprich es einsturzgefährdet wäre. Das ist bisher nicht der Fall.

Das heruntergekommene Objekt und der verwilderte Garten weckt bei Kindern und Jugendlichen natürlich leicht den Wunsch, dort zu spielen oder sich – auch im Dunkeln – zu treffen. Da es sich um einen Privatbesitz handelt, der auch ohne Warnschild an sich nicht betreten werden darf, wäre der Eigentümer nicht dafür verantwortlich, falls dabei etwas passiert.

Als „Motel Christiansen“, als Bahnhofshotel, spielte das heute unbewohnte Gebäude lauf Bockholt in den 60er-Jahren eine gewichtige Rolle. Viele Sylturlauber, die den letzten Autozug verpasst hatten, nächtigten dort. Das Haus diente auch als Flüchtlingsunterkunft. Schon im Jahr 1991 mietete der Kreis Nordfriesland das ehemalige Motel an, und brachte dort bis zu 35 Asylbewerber aus Afghanistan, Armenien, Aserbaidschan, Bangladesch, Georgien, dem damals noch existierenden Jugoslawien, Pakistan, dem Irak und aus der Türkei unter. Betreut wurde die Einrichtung an der Gather Landstraße vom Roten Kreuz. Im Jahr 2004 erfolgte der Umzug der Unterkunft in das ehemalige Kreiskrankenhaus.

An einer neuen Nutzung hat der Eigentümer offensichtlich kein Interesse, obwohl ein Grundstück in so unmittelbarer Nähe zum Bahnhof in erheblichem Maß in Wert gesetzt werden könnte. „Es besteht keine Not, kein Druck – der Eigentümer möchte einfach nicht verkaufen, uns sind die Hände gebunden“, sagt Wilfried Bockholt. Passanten, Auto-, Bahn- und Autozugfahrer werden also weiterhin mit dem unschönen Anblick leben und sich fragen müssen, warum mit diesem Schandfleck einfach nichts passiert.

 

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erstellt am 18.Okt.2016 | 13:45 Uhr

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