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Nordfriesland Tageblatt

28. September 2016 | 10:32 Uhr

Hirschzuwanderung : Der Röhrer wird zum Störer

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Hirsche ziehen inzwischen von Dänemark auch nach Südtondern herüber. Das bereitet Naturschützern und Jägern nicht nur Freude.

Direkt zu Gesicht bekommt man ihn zuweilen in heimischen Wohnzimmern. In manch einem Haushalt hängt noch ein röhrender Hirsch über dem Sofa. Draußen, in der Natur, sind die äußerst scheuen Wiederkäuer dagegen nur sehr selten zu finden. Dennoch gibt es sie. Und zwar nicht nur – wie die Ölgemälde vermuten lassen – vor idyllischer Gebirgslandschaft, sondern seit ein paar Jahren auch bei uns auf dem flachen Land. Mehr als 100 Tiere sind im vergangenen Jahr in Südtondern gezählt worden. Und der Bestand steigt stetig an.

Eine Besonderheit, denn jahrzehntelang gab es kein Rotwild mehr hier in der Region. Seit aber die Dänen die Zahl ihrer Rudel erhöhen wollen und deshalb den Abschuss der weiblichen Alttiere unterlassen, wandert das Rotwild über die Grenze zu uns. In der Mehrzahl sind es männliche Jungtiere, die dem Populationsdruck in Dänemark ausweichen und neue Reviere suchen. Mittlerweile ziehen aber auch immer mehr Hirschkühe nach, sodass in Südtondern sogar die ersten Kälber geboren wurden. Aus dem Wechselwild, das nur zeitweise hier vor Ort verweilte, ist Standwild geworden.

Grund zur Freude? „Ja“, sagt, Gerd Oldigs, Vorsitzender vom Naturschutzverein Südtondern. „Aus Sicht des Naturschutzes ist es ein positives Zeichen, dass die Natur durchaus in der Lage ist, auch schwierige Bereiche zurückzuerobern.“ Doch schon im nächsten Satz weist Oldigs darauf hin, dass die Rotwild-Vorkommnisse auch Sorgen bereiten.

Genau genommen ist es vor allem der Wildfraß, der zunehmend Probleme bereitet. Hirsche haben Hunger. 25 Kilogramm Gräser, Rinden, Knospen verspeist jedes Tier täglich. Doch, wie schon Oldigs sagt, ist Südtondern eigentlich ein „schwieriger Bereich“ für die Tiere. Die örtlichen Gegebenheiten sind nicht ideal. Zu wenig Waldflächen als Unterschlupf und Nahrungsquelle gibt es in der Region. Aktuell hält sich das Wild im Süderlügumer und Langenberger Forst auf. „Der Langenberger Forst wird aber ausgiebig von Menschen genutzt und die Tiere damit verdrängt“, erklärt Förster Jörn-Hinrich Frank. Der Paarhufer zieht sich als Folge zunehmend in kleinere Wälder zurück, beispielsweise in Braderup und Sprakebüll. Dort aber konzentriert sich dann der Fraß auf die kleinen Flächen. „In Braderup sind einige Linden und Ulmen komplett geschält“, bedauert Frank. Die Schäden haben wirtschaftliche, aber auch ökologische Auswirkungen. Der eigentlich so beliebte röhrende Hirsch wird zum störenden Hirsch.

„Je mehr Tiere sich in der Region aufhalten, desto mehr Fraßspuren finden sich in den Wäldern“, lautet die Faustregel von Hochwildringleiter Jochen Muxfeldt, der wie Jörn-Hinrich Frank auf einen konsequenten Abschuss setzt. Verbindliche Aufgabe der Jäger sei es, männliche und weibliche Tiere gleichermaßen zu bejagen. 29 Hirsche und vier Hirschkühe kamen 2015 vor die Büchse. Laut Plan hätte jedoch die doppelte Menge geschossen werden sollen. „Rotwild ist sehr scheu und heimlich und kann sich fast lautlos im Wald bewegen. Es ist daher auch sehr schwer zu bejagen“, erklärt Muxfeldt und ergänzt: „Ganz besonders die weiblichen Tiere.“ Noch fehle den hiesigen Jägern schlichtweg die Erfahrung, um das zugewanderte Wild effektiv zu bejagen.

Neben den Sachschäden in den Waldgebieten sind es auch Unfälle, die die Wildidylle trüben. Im vergangenen Jahr ereigneten sich in Südtondern drei Verkehrsunfälle mit Rotwild – alle gingen glücklicherweise glimpflich aus. Die Tiere sind meist im Schutz der Dunkelheit unterwegs. Sie ziehen von ihrem Einstand auf die Felder und legen dabei bis zu 40 Kilometer pro Nacht zurück. Ein Platzhirsch kann 150 Kilogramm schwer werden. Wenn eine solche Masse mit Wucht auf die Windschutzscheibe knallt, sind die Folgen fatal.

Umso mehr müsse der Bestand dezimiert werden, sagt Muxfeldt – auch wenn nicht alle Jäger diese Pläne gutheißen. Einige Waidmänner befürworten einen höheren Bestand in Südtondern. Ein Spannungsfeld, das sich in der Jägerschaft zeigt. Muxfeldt: „Weil ein Hirsch im Revier natürlich sehr beliebt ist. Sein Vorkommen muss aber ausgewogen sein. Nur wenn der Schaden in Feld und Wald so gering wie möglich ist, hat kein Mensch etwas gegen das Tier.“ Und so bleibt es am Ende dabei: Für den Hirsch wird verstärkt das Halali geblasen.

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erstellt am 17.Mär.2016 | 07:00 Uhr

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