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Nordfriesland Tageblatt

09. Dezember 2016 | 02:57 Uhr

Kirchenwahl : Der Glaube an eine gute Wahl

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Südtonderns Kirchenmitglieder sind am 27. November aufgefordert, ihre Stimmen abzugeben. Ein zunehmendes Problem: Immer weniger Kandidaten lassen sich aufstellen.

Das Plakat strahlt Optimismus aus: Ob Rad-, Roller-, Bus- oder Autofahrer – alle machen sich eilig auf den Weg, um am Sonntag zur Kirchengemeinderatswahl zu gehen. „Der Norden wählt“, heißt es daher auch auf dem Werk einer Grafikagentur, die das Hamburger Amt für Öffentlichkeitsarbeit der Landeskirche beauftragt hatte. Dazu folgt noch eine zuversichtliche Prognose: „Und alle stimmen mit ab!“

So weit also die Idee der Werbestrategen, die das Plakat entwickelt haben. Die Realität sieht morgen aber vermutlich wieder anders aus. Vor acht Jahren, als das letzte Mal die Kirchenwahl anstand, waren es zumindest nur 17 Prozent der Wahlberechtigten, die ihre Kreuze machten – deutlich weniger als beispielsweise bei Landtagswahlen.

Trotzdem ist der Kirchenkreis Nordfriesland nicht in Sorge – zumal es Orte gibt, bei denen die Quote noch schlechter ausfiel. „In den Großstädten wie Hamburg und Kiel liegt die Beteiligung nur bei zehn Prozent“, weiß Roger Bodin, Wahlbeauftragter des Kirchenkreises, zu berichten. Auf dem Lande aber spiele die Kirche als Gemeinschaft noch eine größere Rolle, die Anonymität der Stadt spiegele sich hingegen in der geringen Wahlbeteiligung wider.

Und so ist man zufrieden mit dem, was man hat – zumal die Wahlmüdigkeit nicht das einzige Problem darstellt. Als Herausforderung gilt es mancherorts, überhaupt ausreichend Kandidaten, die sich listen lassen, zu finden. Letztendlich haben es in Südtondern aber alle Kirchengemeinden geschafft, genügend Ehrenamtliche aufzustellen. In anderen Regionen Schleswig-Holsteins sieht das anders aus. Bodin: „Es gab bei uns nur ein paar Wackelkandidaten wie Klanxbüll, Horsbüll und Leck, aber auch diese Gemeinden haben noch einmal die Kurve gekriegt.“

In Niebüll beispielsweise stehen neun Plätze im Kirchengemeinderat zur Verfügung, und genau neun Personen fanden sich auch für die Posten. „Streng genommen haben die Kirchenmitglieder also nicht wirklich eine Wahl“, sagt Pastorin Sylvia Kilian-Heins, die zusammen mit Pastor Dr. Christian Winter in der Christus- und Apostelkirche 5900 Kirchenmitglieder betreut.

Meist sind es Ältere, die sich bereit erklären, das Amt zu bekleiden. Christian Winter hat dafür eine Erklärung: „Die Aufgabe ist sehr arbeitsintensiv, nicht jeder will so viel Freizeit opfern – besonders nicht die jüngeren Bürger. Die haben andere Interessen. Auch wird man gleich für ein paar Jahre eingespannt, das schreckt ab.“ Umso mehr betont der Niebüller Pastor aber, wie bedeutsam die Wahl sei. Der Kirchengemeinderat gelte als Leitungsgremium. Es entscheide darüber, was in den folgenden sechs Jahren in der Gemeinde geschehen soll. Die Mitglieder des Rats beraten beispielsweise über Personalplanungen, verfügen über den Einsatz der finanziellen Mittel oder begleiten Baumaßnahmen, erklärt Winter. „Eine Gemeinde ist deshalb kein All-Inklusive-Club, bei dem Animateure die Leute bespaßen. Eine Kirche lebt vielmehr davon, dass sich die Bürger engagieren.“

Warum lohnt es sich, zur Wahl zu gehen? Auf diese Frage hat auch Hans-Joachim Stuck, Pastor für die Kirchengemeinden Ladelund und Karlum, eine Antwort. Zusätzliche Mitbestimmung gebe es durch die Tatsache, dass die evangelische Kirche von unten nach oben ausgerichtet sei. Aus den Kirchengemeinden würden die Mitglieder der Kirchenkreis-Synoden entsandt, diese wiederum würden die Synode der Nordkirche bestücken.

Immerhin, mehr als 60 Prozent der Einwohner seiner Gemeinden sind noch Mitglied in der evangelischen Kirche. In Ladelund (dazu gehören auch Bramstedtlund und Westre) sind das 1400, in Karlum (dazu zählen auch Lexgaard und Tinningstedt) nochmal 350 Gemeindeglieder. Sie alle haben bei der Wahl am Sonntag auch eine echte Wahl, da es mehr Bewerber als Plätze in den Kirchengemeindevertretungen gibt.

Ist in den kleineren Amtsgemeinden das Bekenntnis der Dorfbewohner zur Kirche vielleicht noch größer als in der Stadt Niebüll? Hans-Joachim Stuck verneint dies. „Es gibt aber große Unterschiede zwischen Großstadt und Land“, sagt er und nennt als Beispiel einen kürzlich gehaltenen Beerdigungsgottesdienst. Zu diesem kamen auch Gäste aus Hamburg – und waren erstaunt darüber, dass bei der Beerdigung einer 81-jährigen, alteingesessenen Dorfbewohnerin, die keine besonderen Funktionen innehatte, die Kirche mit 130 Menschen gut gefüllt war. „Auf dem Land ist es eben noch normal, dass aus fast jedem Haus des Dorfes jemand zur Beerdigung kommt.“

Pastor Stuck jedenfalls ist zuversichtlich, dass die Wahlbeteiligung am Sonntag nicht allzu gering sein wird. Dazu sollen in vielen Gemeinden Südtonderns inzwischen aber auch Lockmittel wie Lesungen, Konzerte oder Kaffeetafeln am Wahltag dienen. Darüber hinaus wurde das Wahlalter auf 14 Jahre gesenkt. Und auch die Briefwahl könnte weiterhin zur Alternative zum Urnengang werden (2008 machte sie bereits 12 Prozent aus), wie Roger Bodin vermutet. Der Wahlbeauftragte mag keine Prognose zum Wählerverhalten der Zukunft geben. „Je mehr Bürger aber aus der Kirche austreten, desto schwerer wird es natürlich sein, Leute zu finden, die sich engagieren“, sagt er. Bodin geht morgen trotzdem auf jeden Fall wählen – für ihn so sicher wie das Amen in der Kirche. „Ich sehe das als meine Pflicht.“

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erstellt am 26.Nov.2016 | 06:00 Uhr

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