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Nordfriesland Tageblatt

04. Dezember 2016 | 11:19 Uhr

Aus dem Lebenslauf eines Ritters

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Das Ensemble des Landestheaters Schleswig-Holstein brillierte mit einer Aufführung von Goethes „Götz von Berlichingen“

Ritter Gottfried, besser als Götz von Berlichingen bekannt, war am Sonntag zu Gast in Niebüll. In der nicht ausverkauften und vornehmlich von Abo-Inhabern besuchten Stadthalle stand die Geschichte des einst edlen, dann durch fortwährende Fehden zum Raubritter gewordenen Jagsthauseners, der von 1480 bis 1562 lebte, auf dem Programm. Johann Wolfgang von Goethe war von der Geschichte des Götz offenbar so fasziniert, dass er sie 200 Jahre später aufschrieb. Das zum Klassiker gewordene Schauspiel wurde 1774 in Berlin uraufgeführt. Heute gehört es zum Fundus des deutschsprachigen Theaters. Und das Landestheater Schleswig-Holstein ist mit von der Partie, wenngleich mit einer von Thomas Oliver Niehaus von fünf Akten auf flotte knapp 120 Minuten verkürzten Fassung.

Die Geschichte des Götz von Berlichingen spielt an der Schwelle zwischen Mittelalter und Moderne. Sie behandelt den Lebenslauf eines Ritters, der sich zunächst traditionellen Werten verbunden fühlt, sich bald aber einer neuen Weltordnung gegenübersieht, die ihn in Konflikte hineinzieht. Diese „andere Seite“ vertritt sein einstiger Jugendfreund Adelbert von Weislingen. Götz ist schnell in Konflikte verstrickt, die ihn fortan begleiten.

Ritter Gottfried zieht in den Kampf, wird zum Fürstenhasser und lebt vor allem mit dem Bischof von Bamberg in Fehde. Bei einem Scharmützel verliert er durch eine Kanonenkugel die rechte Hand, die durch eine eiserne Prothese ersetzt wird – eine für damals spektakuläre ärztliche Leistung, die Götz zu „dem mit der eisernen Hand“ machte. Ein weiteres (ihm angedichtetes?) Erkennungszeichen war die Antwort an einen Amtmann, dem er zurief: „Vor ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken.“ Diese derbe Aufforderung mutierte zu einem der bekanntesten Zitate aus der deutschen Literatur.

Götz von Berlichingen wird zum Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit. Er erkennt nur Gott und den Kaiser als Herrn an. Die Fürsten hassen ihn. Die Bauern hingegen, die ihn wegen seiner Führungsqualitäten an ihre Spitze zwingen, lieben ihn. Er wird zweimal gefangen genommen. Der Kaiser belegt ihn mit der Reichsacht. Ex-Freund von Weislingen erliegt den Reizen der schönen Adelheit von Walldorf, die ihn jedoch wegen seines Wankelmuts verachtet – und ihn töten lässt und später dafür büßen muss. Götz von Berlichingen verbringt seine letzten Tage im Kerker von Heilbronn, wo er im Beisein seiner Frau Elisabeth und Schwester Maria stirbt. Mit seinen letzten Worten ruft er nach Freiheit.

Die Geschichte des Götz von Berlichingen wird zunächst an einem langen Tisch begonnen, an dem das Ensemble Platz genommen hat – neben Götz zur Rechten und Linken Freund und Feind versammelt. Schnell ist man dort zurück im 16. Jahrhundert, aus dem sich mittels schnellen Sprach-Hoppings die Figur des Titelhelden herausschält. Aus dem verbalen Dauerfeuer tauchen sogar Figuren aus aktueller Zeitgeschichte auf – beispielweise der Mann im Wachmantel der deutschen Wehrmacht. Und: An wen mag wohl Götzens eiserne Hand erinnern – womöglich an einen Zeitgenossen, der „es“ auf der Wolfsschanze versucht hat? Um 20.54 Uhr senkte sich der virtuelle Vorhang von der einer Szenerie, deren damaliger Zeitgeist sich bis in die Gegenwart erhalten hat.

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erstellt am 30.Mai.2016 | 10:51 Uhr

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