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Nordfriesland Tageblatt

27. September 2016 | 07:19 Uhr

100. Geburtstag : Auf Spazierfahrt mit Emil Nolde

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

In ihren 100 Lebensjahren hat Marie Christine Sönnichsen viele Höhen und Tiefen in einem arbeitsreichen Leben erfahren

Es ist im Senioren-Wohn- und Pflegeheim „Friesischer Wohnpark“ guter Brauch, dass vier Mal im Jahr ein Quartalsgeburtstag gefeiert wird. An einem solchen Tag kommen die Geburtstagskinder eines Vierteljahres zusammen, um gemeinsam geehrt zu werden.

Das Haus bittet zu einer Kaffeetafel mit süßen und herzhaften Leckerbissen. Der Förderverein, gegründet von Henny Voß, jetzt unter Leitung von Hanna Cordsen, sorgt für ein besonderes Programm. Und an einem solchen Tag ist auch Gelegenheit, sich mit den Bewohnern des Hauses zu unterhalten.

Am Mittwoch, an dem die Geburtstagskinder von Oktober bis Dezember vergangenen Jahres zusammenkamen, trafen wir auf Marie Christine Sönnichsen. Sie gehört dem Trio der alten Damen im Hause an, die ihren 100. Geburtstag hinter sich haben: im Zeichen des demografischen Wandels und einer Ära, in der die Menschen immer älter werden und ein Lebensalter von 100 Jahren keine Seltenheit mehr.

Sich mit Marie Christine Sönnichsen zu unterhalten, erwies sich als Glücksfall. Die alte Dame ist geistig noch topfit. Was sie in der Rückschau auf ihr Leben zu erzählen hatte, ist eine wahre Fundgrube der Erinnerungen.

Marie Christine Beck (so ihr Mädchennamen) wurde am 2. Dezember 1915 in Neukirchen als Tochter eines Arbeiters geboren. Sie heiratete 1938 Antoni Sönnichsen, der am 23. Dezember 1944 ein Tag vor seinem 37. Geburtstag an der Westfront fiel und sie mit ihren drei kleinen Söhnen hinterließ.

Marie Christine Sönnichsen, die man im Dorf „Mimi“ nannte, hat eine harte Jugend hinter sich. Lesen und Schreiben lernte sie an den Volksschulen Hörn und nach deren Brand an der alten Schule nahe der Kirche. Sie erinnert sich noch gut der Bootsfahrten, bei denen ihr Vater das Heu aus dem Gotteskoog-Seegebiet hereinholte.

In Erinnerung ist ihr auch der „Herr Nolde“. Emil und Ada Nolde nahmen sie einmal mit dem Auto mit. Der später sehr berühmte Maler war zwar im Dorf bekannt gewesen. Doch das Interesse der Dorfbewohner an dem weltweit verehrten Künstler sei im Dorf, wie sie sich zu erinnern glaubt, damals nicht sehr groß gewesen. Erst später habe auch sie darüber gestaunt, dass ein von Nolde an Menschen seines Umfeldes verschenktes Bild einen Erlös einbrachte, von dem man sich ein Haus bauen konnte.

Sie habe ihrem Vater Christian Nissen Beck auch geholfen, sein Boot zu teeren. Als junges Mädchen sei sie auf Nienhof, Neuhamm und Cixbüllhof tätig gewesen, habe nahezu bei allen in einem landwirtschaftlichen Betrieb anfallenden Arbeiten mit anpacken müssen. Wie die anderen jungen Leute auch sei sie oft zum Tanz gewesen.

Nach dem Tod ihres Mannes fand sie später in Thomas Jacobsen einen neuen Lebenspartner, mit dem sie eine Tochter hatte. Marie Christine Sönnichsen wurde vierfache Mutter und Großmutter. Den Enkeln folgten zehn Urenkel und ein Ururenkel. Sie erinnert sich auch, dass ihr bei den Geburten ihrer Kinder die Hebammen Lene Johannsen und Grete Ewaldsen beistanden.

Unterm Strich bilanziert die alte Dame ein arbeitsreiches leben. Sie habe, wenn man so will, „ihren Mann“ gestanden, sei stets in Bewegung und erstmals mit 80 Jahren mal krank gewesen.

Um ihren schmalen Etat aufzubessern, habe sie bei Postmeister Andreas Bossen und in der dänischen Schule sauber gemacht. Sie habe aber auch lebhaft am Dorfleben teilgenommen. In einem Damen-Kartenclub spielte sie Sechsundsechzig, und schwang im Seniorentanzclub des DRK das Tanzbein. Bis sie 90 wurde, fuhr sie Fahrrad. Wenn man sie nach dem Befinden fragt, äußert sie sich zufrieden über das Ambiente des Friesischen Wohnparks und der Qualität der Betreuung, lässt aber auch anklingen, dass sie das Heimweh nach ihrem Haus am Osterdeich, das sie bis zum Frühjahr vergangenen Jahres bewohnte, noch nicht überwunden hat.

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erstellt am 08.Jan.2016 | 17:18 Uhr

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