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Nordfriesland Tageblatt

04. Dezember 2016 | 17:17 Uhr

Auf dem Weg zu neuen Erfahrungen

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Wandergeselle Jorge Paysen hat in zwei Jahren den Erdball umrundet / Bei seinen Eltern haben sich die Sorgenfalten mittlerweile geglättet

Wer gemächlich daher getippelt kommt, den Stenz in der Hand, den Charlottenburger oder Charlie über der linken Schulter, den Deckel auf dem Kopf, das schwarze Jackett mit den acht Knöpfen und die Hose mit dem Schlag an: das ist ein Wandergeselle. Einer von ihnen ist Jorge Paysen, der sich auf den Tag genau vor zwei Jahren auf die Walz machte und nun noch ein Jahr und einen Tag vor sich hat, bevor er wieder bei Vater und Mutter Paysen daheim in der Zimmerei Hasselbrink am Kornkuugswäi anklopfen und verkünden kann: „Ich bin wieder zu Hause!“

Jorge Paysen ist Zimmerer und einer aus dem „Schacht der rechtschaffenen Fremden“, wie sich die traditionsreiche Bruderschaft der Dachdecker, Maurer, Zimmerer und Tischler nennt. Basis ihres Tuns ist, sich an Regeln halten, die aus dem Mittelalter stammen, und Wanderlieder auf der Zunge haben.

Als Jorge Paysen sich verabschiedete, war er 20 Jahre jung und wollte wissen, wie anderswo in seinem Handwerk gearbeitet wird, wollte Erfahrungen sammeln und die Welt kennenlernen. Nach zwei Jahren ist er nicht nur durch deutsche Lande getippelt. Er hat mittlerweile den Erdball umrundet. Nach Stationen in Neuseeland und Australien ist er inzwischen in Kolumbien.

Erste Station in Deutschland war Freiburg im Breisgau, wohin er mit einem Kameraden gewandert war, der aber danach eine andere Richtung einschlug, sodass der junge Nordfriese auf sich allein gestellt war und erstmals das Gefühl der Einsamkeit verspürte. Im Frühjahr wechselte er in die Schweiz, wo er bei der jungen Familie eines Zunftkameraden Anschluss fand und einige Monate am Umbau alter Bauernhäuser mitwirkte.

Dann ging es in die Ferne: zusammen mit sechs Kameraden nach Neuseeland, wo er an mehreren Orten Arbeit fand. In Australien blieb er längere Zeit. Zu seinen eindrucksvollsten Erlebnissen gehörte die Zeit im Dschungel, wo er am Bau von Bauernhäusern mitwirkte. Im Mai 2016 war er wieder in Deutschland. In Soltau verliebte er sich in Lisanne, mit der es etwas Ernsteres zu werden scheint. Dort besuchte ihn auch seine Familie. Zwischenzeitlich musste er sich eine neue Kluft schneidern lassen. Das besorgte ein Nürnberger Schneider, der auf das Ankleiden von Wandergesellen spezialisiert ist.

Unterwegs machte er die Bekanntschaft mit einem Geschäftsmann aus Bayern, der Zelte verleiht – unter anderem auch solche für das Oktoberfest. Dieser bot ihm eine Beschäftigung im Hausbau in Kolumbien an. Zusammen mit den Kameraden Tarek von der Insel Föhr und dem Bayern Jason hob er vorgestern vom Flughafen München in Richtung Bogota ab und wird dort für drei Monate arbeiten.

Von unterwegs bekamen seine Risum-Lindholmer Eltern Alfred und Hilke Paysen zunächst nur spärliche Nachrichten, zumal es Regel ist, dass der Tippelbruder kein Handy mithaben darf. „Ich hatte in den ersten Wochen und Monaten große Sorge um unseren Sohn“, gestand Hilke Paysen ein. „Aber das hat sich gelegt“, milderte Vater Alfred Paysen ab. Bei der Begegnung mit dem Sohn in Soltau stellten beide fest, das ihr Sohn abgenommen hat, schlanker geworden ist. Mutter Hilke bewundernd: „Er ist ein Mann geworden.“ Und: Die Sorgenfalten bei Vadder und Mudder (so reden Wandergesellen auch Herbergseltern an) haben sich längst geglättet. „Wie schnell doch die Zeit vergeht“, blicken die Eltern auf zwei lange Jahre zurück, in denen ihr Sohn unterwegs war. Dieser wird in seinem Charlottenburger auch ein ganzes Bündel von Erfahrungen nach Nordfriesland mitbringen – berufliche und menschliche.

Wenn er wieder in Risum-Lindholm ist, wird er nicht lange bleiben. Er geht dann wieder „auf kleine Fahrt“. Ziel wird dann Hamburg sein, wo er die Schulbank drücken wird, um die Meisterprüfung anzusteuern.

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erstellt am 02.Nov.2016 | 18:40 Uhr

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