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Nordfriesland Tageblatt

11. Dezember 2016 | 01:32 Uhr

Als das Telefonieren noch Luxus war

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es nur wenige Anschlüsse in Niebüll und Umgebung – dementsprechend kurz und einprägsam waren die Nummern

Gemessen am Lauf der Geschichte ist es noch nicht lange her, als der reitende Bote oder der Postkutscher Nachrichten von A nach B beförderten. Auch nicht, als sich die Post motorisierte oder gar die Nachtluftpost einrichtete. Ähnlich verlief es zeitlich mit der Nachrichtenübermittlung durch den Telegraphen und das Telefon.

Als im November 1887 die Marschbahn entlang der Westküste in Betrieb ging, wurde in Deezbüll eine „Post- und Telegraphenhülfsstelle“ eingerichtet, die wenig später nach Niebüll in das Gebäude der späteren Bahnmeisterei wechselte. Weil Niebüll durch eine Abstimmung 1920 größere Bedeutung erlangte, reiften auch die Pläne zum Neubau eines Postamts, das gegenüber dem Bahnhof gebaut und am 1. Juni 1930 eingeweiht wurde. Unter dem Dach des Postgebäudes fand auch das Fernamt Platz, zumal sich der Fernmeldedienst der Reichspost ebenfalls dynamisch weiterentwickelte. Denn schon 1913 gab es in Niebüll 70 Fernsprechanschlüsse, für die im Fernamt zwei „Klappschränke“ für je 50 Leitungen aufgestellt wurden. Eine Statistik verrät, dass im Ortsverkehrsnetz 48  300 und im Fernverkehr 13  400 Gespräche vermittelt wurden. Der bereits seit 50 Jahren bestehende Telegrammverkehr hatte sich in dieser Zeit gar verdreifacht.

Während des ersten Weltkriegs und der zwanziger Jahre stagnierte die Entwicklung und stieg erst allmählich wieder an, wie ein Telefonbuch von 1927 verrät – der sogenannte „Klockhaus“ aus der gleichnamigen Berliner Verlagsbuchhandlung. HGV-Geschäftsführer Holger Jessen hat noch ein Exemplar davon im Bücherschrank. Es wurde nur für Handel und Gewerbe herausgegeben und enthielt neben den Telefonanschlüssen auch Adressen von örtlichen Unternehmern und Einrichtungen, jedoch keine privaten Anschlüsse, weil telefonieren auch im Jahr 1927 noch etwas Besonderes war und nicht jedermanns Sache.

Telefonieren – das ging damals etwa so: Man nahm der Hörer ab und drehte einmal die Kurbel, worauf sich die Vermittlung mit den Worten „hier Amt“ meldete und man den gewünschten Teilnehmer nannte. Dann wurde man „gestöpselt“ und war verbunden. Bis man selbst wählen konnte, sollte noch einige Zeit ins Land gehen.

1927 hatte Niebüll laut Telefonbuch 98 gewerbliche Telefonanschlüsse und Deezbüll 10. Die Rufnummern waren teils zwei-, teils dreistellig, seltener einstellig wie Schröders Hotel (8). Lude Boysen war unter Niebüll 33, Rechtsanwalt Feddersen unter 1 und Godske Hansens Apotheke unter Niebüll 20 zu erreichen. Wer Kuchen bei Bäcker Martin Jannsen bestellen wollte, nannte die Nummer 156, die Gemeinde-Sparkasse hatte Nummer 97, das Baugeschäft Carl Christiansen die 42, Johann Blaas die 48 und Alex Bahnsen die Nummer 57. Die Nordfriesische Rundschau war unter Niebüll 7 zu erreichen, Schlachter Samuel Raffelhüschen unter 212, Maurermeister Hermann Schmicker unter 90 und Sattler Markau unter 90. Rudi Roll (so wurde Spediteur Hansen genannt) hatte die Nummer 215, Töpfer Grube 169, die Südtondernsche Zeitung 88 – und eine ganze Reihen von Betrieben wie die Tischlereien, Schmieden, die Molkerei, Bürstenmacher Nissen oder Käsehändler Deussing hatten noch kein Telefon. Im Nachbardorf Deezbüll hatten Matthias P. Ingwersen die Nummer 4, Baugeschäft Lewe Andersen die 219 und Gärtner Boysen die 69. Sattler Jacobsen, Schlosser Sutor, Schmied Sommer und die vier Tischler begnügten sich ohne Telefon.

Der 1866 in den Raum der Deezbüller Poststelle verlegte Draht zum Morseapparat (mit Zubehör)war die vorerst einzige Verbindung in die weite Welt, nur wenig später ausgeweitet zu einer Telegraphenstation „mit beschränktem Dienste“, wie die Schleswigsche Postdirektion in einem Verordnungsblatt verkündete. Seither sind 150 Jahre ins Land gegangen, bis auch die einst verträumten Orte wie Niebüll vom sozialen Netzwerk eingefangen sind.




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erstellt am 16.Sep.2016 | 11:33 Uhr

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