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Nordfriesland Tageblatt

10. Dezember 2016 | 05:57 Uhr

Kachel-Künstler : 54 000 Minuten für die Ewigkeit

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Handarbeit für seine Wahlheimat: Mit Delfter-Blau und viel Geduld malte Georg Bohnsack sämtliche Motivfliesen für das Hans-Momsen-Haus.

Gäste, die ins Café des Hans-Momsen-Hauses in Fahretoft kommen, zeigen sich beeindruckt von der schmucken Reetdach-Kate, vom alten Fußboden, dem antiken Mobiliar, ganz besonders aber von den vielen Friesenkacheln, die der Wohnstube eine außergewöhnliche Atmosphäre verleihen. Bekannt ist, dass zu Lebzeiten des Mathematikers Hans Momsen (1735  -  1811), der das Haus auf der Gabrielswarft einst bewohnte, derartige Kacheln tatsächlich an den Stubenwänden klebten – so wie es Brauch war in Nordfriesland. Solche ursprünglich „Holländischen Wandfliesen“ brachten Anfang des 18. Jahrhunderts die Walfänger mit in ihre Heimat. Jahrzehnte später aber, weil sie mittlerweile als unmodern galten, waren die Motivfliesen von den neuen Besitzern der Kate abgeschlagen worden.

Als vor sechs Jahren nun aber die Idee entstand, das Gebäude des bekannten Universalgelehrten als Kulturdenkmal der Öffentlichkeit zu präsentieren und es möglichst in den Originalzustand zu bringen, stand schnell fest, dass auch eine Kachel-Optik wieder die Räume der guten Stube sowie des Kapitänszimmers zieren soll. Wobei den Initiatoren klar war, dass derart viele Fliesen mit gleichem Design gar nicht so leicht zu bekommen sind – und wenn, dann nur zu horrenden Preisen, denn die antiken Stücke haben bei Liebhabern länger schon ihren Wert.

Ein Problem, das 2011 der Hans-Momsen-Gesellschaft rund um Initiator Hans-Werner Paulsen letztendlich aber nicht lange Kopfzerbrechen bereitete. Denn in diesem Fall gab es eine nahe liegende Lösung – genau genommen etwa 500 Meter Luftlinie vom Hans-Momsen-Haus entfernt: Wie es der Zufall so will, war es ein Zugereister, der aushelfen konnte.

Georg Bohnsack (75) lebt seit mittlerweile 35 Jahren in Fahretoft. Er ist in Göttingen geboren, studierte acht Semester an der Kunstschule in Hamburg, arbeitete dann in verschiedenen Verlagen als Layouter. Weil ihm irgendwann der Großstadttrubel zu viel wurde, kaufte er sich erst eine Kate auf Eiderstedt, 1983 nach einer Scheidung dann eine in Fahretoft. „Ich hatte mich in die Landschaft verliebt. Erst hier habe ich gelernt, den Himmel mit all seinen Farben richtig zu malen.“ Außer in die Natur verliebte er sich 1984 aber auch in seine jetzige Lebenspartnerin, eine gebürtige Friesin. Mit ihr zog er in ein Haus auf dem Holländerdeich. Dort richtete sich der Grafikdesigner und Fliesenexperte ein Atelier ein.

Georg Bohnsack erhielt den Auftrag. Ein Dreivierteljahr arbeitete er fortan jeden Morgen ab 5 Uhr am Schreibtisch – mit NDR-Kultur im Radio, etlichen Tassen Kaffee und ab und an einer Voltaren-Tablette gegen die durchs lange Sitzen verursachten Rückenschmerzen.

Die weißen Basiskacheln mit den hierzulande ungewöhnlichen Maßen 13 mal 13 Zentimeter wurden aus Holland geliefert, mit Delfter-Blau und biblischen Motiven bemalt. „Sintflut“, „Vertreibung aus dem Paradies“, „Moses im Schilf “ – solche Szenen sind auf den Fliesen zu sehen. Insgesamt sind es 30 Motive, die sich in den zwei Räumen des 2015 dann eingeweihten Kulturdenkmals finden. Georg Bohnsack führte akribisch eine Strichliste, damit auch wirklich jedes Motiv gleich oft vertreten ist. Die Abbildungen sind nahezu identisch, nur ab und an nahm er sich heraus, die Möwen im Himmel an anderer Stelle zu platzieren – um dann doch der Eintönigkeit zu trotzen.

An jeder Friesenkachel malte er etwa 45 Minuten. 1200 Kacheln sind es insgesamt geworden, was 54  000 Minuten Arbeit bedeutet. Trotz der Vielzahl der Kacheln ging Bohnsack stets mit derselben Akribie ans Werk. „Die letzte Kachel ist genauso schön geworden, wie die erste“, sagt er. Schließlich wollte er nicht, dass womöglich ausgerechnet eine weniger liebevoll gestaltete Kachel dort an die Wand gefliest wird, wo sie oft gesehen wird. „Und die Leute dann sagen: Ach guck mal, bei der hier hatte er wohl keine Lust mehr.“ Georg Bohnsack ist Feinmotoriker und ein Mann fürs Detail – wer sein Wohnhaus betritt, kann sich davon mit Blick auf die vielen liebevoll aufbereiteten Puppenstuben, die gigantische Eisenbahnlandschaft und den Modellzirkus überzeugen. Wenn er etwas macht, dann mit vollem Einsatz. Dennoch war er am Ende froh, den Großauftrag erledigt zu haben. „Ich bin stolz. Mit den Kacheln im Hans-Momsen-Haus habe ich etwas für die Ewigkeit geschaffen. Wenn keine Sturmflut dazwischenkommt, dann werden sie mich überdauern.“

Die Hans-Momsen-Gesellschaft ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden, die Gäste des Cafés sind es auch – und sie sorgten jüngst dafür, dass die wohlverdiente Ruhephase des Künstlers nun doch ein Ende hat: Da immer wieder Besucher handbemalte Kacheln als Erinnerung erwerben wollen, wird dies jetzt ermöglicht. Wer eine Kachel kauft, zahlt zehn Euro – und sorgt dafür, dass Georg Bohnsack wieder mit Pinsel, Delfter-Blau, reichlich Kaffee und NDR-Kultur ans Werk geht.

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erstellt am 05.Nov.2016 | 06:15 Uhr

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