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Norddeutsche Rundschau

08. Dezember 2016 | 23:08 Uhr

Zwischen Schifffahrt und Politik

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Matthias Probst ist Ältermann der Brunsbütteler Lotsenbrüderschaft NOK 1 – Ein Job mit vielen Facetten und großen Herausforderungen

Seit 1. August ist Matthias Probst neuer Ältermann der Lotsenbrüderschaft NOK 1. Der 44-Jährige hat damit die Nachfolge von Michael Hartmann angetreten. Ein konsequenter Schritt vom bisherigen Stellvertreter hin zu mehr Verantwortung, den die 140 Mitglieder mit ihrem Votum unterstrichen. Die neue Aufgabe sei eine besondere Herausforderung, macht Probst im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich.

Gerade erst vor einem Jahr wurden Sie zum Stellvertreter gewählt und nun für die nächsten fünf Jahre in die Verantwortung für die Lotsenbrüderschaft. Waren Sie davon selbst überrascht?

Matthias Probst: In der Tat, ich bin früher als erwartet in das Amt des Ältermanns gewählt worden. Aber mein Vorgänger hat diese Aufgabe aus persönlichen Gründen vorzeitig abgegeben. Dass ich Michael Hartmann nachfolge, war Teil der Perspektive meiner Wahl zu seinem Stellvertreter 2015 . Auch für die Kollegen. So konnte ich mich schon mit der Aufgabe vertraut machen. Denn hier ist Kontinuität wichtig.

Sie sind nicht nur zuständig für die Interessenvertretung der 140 gleichberechtigten Mitglieder der Lostenbrüderschaft. Sie bewegen sich auch auf der politischen Schiene?

Das Amt des Ältermanns ist zweigeteilt. Es geht einerseits um das Pflegen und Verwalten des Dienstbetriebs mit all seinen Aufgabenstellungen. Gleichzeitig wirken sich Entscheidungen der Politik auf unsere Arbeit aus, etwa bei der Nachwuchsausbildung und der Altersvorsorge.

Stichwort Berufsnachwuchs: Ihre Brüderschaft hat schon vor Jahren ein Modell entwickelt, das es ermöglicht, Kapitäne mit einer verkürzten Fahrenszeit in die Ausbildung zum Kanallotsen zu übernehmen. Selbst das genügt nicht?

Das Modell war eine Reaktion auf akuten Nachwuchsmangel 2007. Derzeit ist die Seefahrt in einer Krise, es sind weniger Schiffe unterwegs – wir kommen daher derzeit personell gut hin. Aber wir wissen natürlich, wie viele Kollegen in absehbarer Zeit mit 65 in den gesetzlich vorgegebenen Ruhestand wechseln. Wenn die Situation anhält, dass weniger deutsche Kapitäne auf den Schiffen das Kommando haben, brauchen wir ein neues Konzept, um damit umzugehen. Derzeit sieht die Lotsenausbildung vor, dass ein Kapitän sein Patent über 24 Monate ausfährt, bevor er zu uns in die Ausbildung kommen kann. Wir haben das bereits so verändert, dass wir die zwei Jahre durch sechs Monate Zusatzausbildung auffangen, bei einer insgesamt längeren Ausbildung im Revier. Das wird nicht reichen.

Werden mehr Theoretiker kommen, relativ früh nach ihrer Seefahrtsausbildung?

Hier liegt die Herausforderung: Wir dürfen auf keinen Fall eine Qualitätseinbuße hinnehmen. Eine Beispiel dafür, wie entscheidend die Revierkenntnisse und Fähigkeiten sind, wurde im Frühjahr deutlich, als der verantwortliche Lotse die plötzlich manövrierunfähig gewordene CSCL Indian Ocean auf dem Weg nach Hamburg aus der Fahrrinne der Elbe gezielt in den Schlick setzte. Wäre das Schiff quer zur Fahrrinne liegen geblieben, wäre nicht nur der Weg nach Hamburg blockiert gewesen. Die Indian Ocean wäre vermutlich durch ihr Gewicht stark beschädigt worden – bei bis zu 15  000 Tonnen Bunkeröl an Bord ein potenzielles Desaster für die Umwelt. Der Kapitän hätte mangels Revierkenntnis so nicht reagieren können. Das kann man auch nicht verlangen. Entscheidend ist aber, dass die Politik die Ausbildungsvorgaben für Lotsen an die Situation anpasst.

Ausbildung ist eine Seite der Medaille, Altersversorgung die andere. Wo liegen hier Probleme?

Gemäß Seelotsgesetz sind die Brüderschaften in der Pflicht, für eine auskömmliche Absicherung zu sorgen – für das Alter, aber auch für Unfälle und Hinterbliebene. Hierfür verwenden wir Mittel, die einen früheren Zinseffekt berücksichtigen. Die Situation am Kapitalmarkt mit den niedrigen Zinsen und rückläufige Verkehre macht uns zu schaffen.

Die Lotsgelder reichen irgendwann nicht mehr für die geforderte Vorsorge?

Die Mitglieder der Brüderschaft sind gleichberechtigt, die Einnahmen werden in unserem Fall also durch 140 geteilt. Lotsen wir weniger Schiffe, ist weniger aufzuteilen. Und wenn dann noch Berufsnachwuchs mit weniger Jahren an Bord, in denen für die Rente eingezahlt wurde, zu uns kommt, klafft die Schere noch weiter auseinander. Das in den Griff zu bekommen, ist eine große Aufgabe. Da warten viele Prozesse, die man anschieben muss.

Der Nord-Ostsee-Kanal ist ein Revier, das sich auf dem Weg über Skagen leicht umgehen lässt. Sorgt Sie das?

Der Schleusenneubau in Brunsbüttel und die Begradigung der Nordoststrecke vor Kiel sind hoch notwendig für den funktionsfähigen NOK. Der Kanal ernährt uns Lotsen, aber nicht nur uns. Die künstliche Wasserstraße quer durchs Land ist auch wichtig für den Tourismus – vom Kanal leben sehr viele Menschen. Und er bietet auch ein Plus an Sicherheit für die maritime Wirtschaft.

Wie das?

Der Verkehr nimmt in Schlechtwetterzeiten zu. Dann wird der Kanal gegenüber dem Seeweg um Skagen und durch die Nordsee bevorzugt. Dafür muss aber auch die Infrastruktur stimmen. Im Bereich der Grünenthaler Hochbrücke gibt es ein Funkloch im Handynetz. Eine Lücke ist schwierig für Alarmketten. Und eine Lösung ist nicht in Sicht.

Als Ältermann haben Sie offenbar ein breites Aufgabengebiet zu bearbeiten. Fahren Sie selbst noch?

Nein. Für mich persönlich ist das bedauerlich. Aber wir sind eine Selbstverwaltung, da muss vieles von uns gemacht werden: Von der Arbeitsorganisation über die Fortbildung bis hin zur Beratung von Behörden. Denn deren Mitarbeiter fahren kein Schiff, da werden wir regelmäßig um Rat gefragt. Ich lerne jeden Tag etwas Neues – meist über Stolpersteine, von denen ich nicht gedacht hätte, dass es welche sind.

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erstellt am 21.Okt.2016 | 12:25 Uhr

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