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Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 23:21 Uhr

Zeitreise durch mehr als 30 Jahre Atomgeschichte

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Keller des KKW-Infozentrums in Brokdorf ist eine wahre Fundgrube

Eines Tages wird er eine Schatzkammer für Heimatforscher sein: ein unscheinbarer Kellerraum des Informationszentrums am Kernkraftwerk Brokdorf. Geheimnisse birgt er nicht. Dafür aber eine schier unerschöpfliche Quelle an Informationen und Hintergrundmaterial aus 30 Jahren Laufzeit der Anlage und vor allem auch aus den heiß umkämpften Jahren davor. „Das meiste haben Mitarbeiter zusammengetragen“, weiß Betriebsreferent Hauke Rathjen und rückt mit dem Schlüssel an. Dann kann man sich auf eine Zeitreise in spannende Jahre der deutschen Energiepolitik und ihrer Auswirkungen und Folgen für die Region begeben.

Schon nach kurzem Stöbern fällt auf: Bis auf weniges Werbematerial findet man eigentlich kaum Pro-Kraftwerk-Propaganda. Vielmehr wurde hier wertneutral alles an Dokumenten gesammelt, was in irgendeiner Form mit der Anlage zusammenhängt. Vor allem Zeitungsausschnitte, viele Flugblätter, aber auch eine Vielzahl von Filmen und Dokumentaraufnahmen – zum Teil noch in Formaten wie Super 8, für die man heute lange nach Abspielgeräten suchen muss. Oder Video im ersten, von den Japanern entwickelten, U-matic-Format. Längst vergessen ist auch das später eingesetzte Betacam-Format.


Schaukasten aus dem alten Infozentrum


Hat man sich durch an den ersten Regalen vorbeigekämpft, fällt einem ein großer Schaukasten ins Auge. Der stand einst im ersten noch in der Gemeinde Brokdorf stehenden Info-Zentrum. Mit Hilfe von analoger Technik sollte den Besuchern damit ihr Stromverbrauch veranschaulicht werden. Zurück zu den Videokassetten. Die thematische Bandbereite ist gewaltig und reicht von einem Beitrag mit dem Titel „Träume, die keine blieben“ bis hin zu spektakulären Besuchen des damaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel auf der Baustelle. Daneben steht der Hollywoodstreifen „The day after.“ Ein Schlaglicht auf die politischen Kämpfe jener Jahre werfen die in zahllosen Ordnern gesammelten Flugblätter. Bemerkenswert sind dabei nicht nur die einst dahinter stehenden Gruppierungen, sondern vor allem auch die benutzte Sprache. So ist in einem von der „Roten Garde Lübeck“ unterzeichneten Papier aus dem Jahre 1976 vom „Klassenhass der Ausbeuter“ die Rede. Im gleichen Jahr, so kann man weiter nachlesen, trat ein Hartmut Gründler vom Tübinger Arbeitskreis Lebensschutz in einen unbefristeten Hungerstreik. Er wollte damit Bundeskanzler Helmut Schmidt dazu bewegen, seine Atompolitik zu ändern.

Auch ganz praktische Hinweise aller Art fanden Einzug in den Brokdorfer Keller. Eine Information für Demonstranten zum Verhalten bei Festnahmen zum Beispiel. Auf Papier verewigter Tipp: Zerrissene Kleidung sofort schriftlich melden und dafür eine Bestätigung verlangen. Oder wie man sich am besten vor Chemical Mace schützt – einem damals als Tränengas von der Polizei bei Räumungsaktionen eingesetzten Augenkampfstoff. Gleich daneben stehen im Regal aber auch Betriebsanleitungen für Labormessgeräte oder die jährlichen Kraftwerks-Betriebsberichte und die als „Nachrichten für Nachbarn“ an die umliegende Bevölkerung herausgegebenen Informationsblätter.

Immer wieder bleibt man aber an Flugblättern aller Art hängen. Sie dokumentieren wie heiß umkämpft vor allem die Jahre vor der Inbetriebnahme der Anlage 1986 waren. Da wurde auch mit harten Bandagen gearbeitet. In einem Papier gehen Atomkraftgegner detailliert auf die Sprengung von Strommasten ein. Und auf der Rückseite sind penibel alle Firmen aufgeführt, die damals am Bau der Anlage beteiligt waren – bis hin zu regionalen Baustoffhändlern und Heinzöllieferanten. Dazu gibt es gleich auch eine Liste von Aktiven und von Sabotageanschlägen. Die Palette reicht hier von Farbbeutelwürfen gegen die Eröffnung des Brokdorfer Freibads bis hin zur gezielten Demolierung von Baufahrzeugen. Passend dazu der ebenfalls dokumentierte Hinweis: „Der Unternehmer erhöht die Belohnung zur Ergreifung der Täter.“ Zwischendurch hält man dann ein Papier in der Hand auf dem die Ankündigung steht: „Die Einheit der Arbeiter und Bauern wird den Bau verhindern.“

Bekanntlich ist das nicht gelungen. Brokdorf läuft sei jetzt 30 Jahren weitgehend ohne große Zwischenfälle. Gestern Abend nahmen die Mitarbeiter das Jubiläum zum Anlass ein bisschen zu feiern. Vor fünf Jahren sollte der Kraftwerksgeburtstag sogar richtig groß begangen werden. 2011 machte den Betreibern da allerdings die Katastrophe im japanischen Fukushima einen Strich durch die Rechnung. In der Folge wurde der Termin für die endgültige Stilllegung der Anlage festgelegt. Spätestens am 31. Dezember 2021 soll Brokdorf vom Netz gehen.

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erstellt am 07.Okt.2016 | 16:23 Uhr

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