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Norddeutsche Rundschau

09. Dezember 2016 | 18:33 Uhr

„Wir würden auch die Polizei rufen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Terror-Meldungen aus Chemnitz beschäftigen auch junge Flüchtlinge in Itzehoe sowie ihre Lehrer und Betreuer

Die Nachricht bewegt ganz Deutschland: In Chemnitz stellte ein junger Syrer Sprengstoff her, mutmaßlich für einen Anschlag. Laut Sicherheitsbehörden soll er Kontakte zur Terrororganisation Islamischer Staat gehabt haben. Gefasst wird der Mann durch die Mithilfe anderer syrischer Flüchtlinge. Wir haben mit Mazen Al Kamsheh (21), Hussam Mohamad (19) und Majd Al Moualem (23) über die Vorfälle gesprochen. Sie sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien nach Deutschland geflohen. Am Regionalen Berufsbildungszentrum in Itzehoe (RBZ) haben alle drei gerade die Abschlussprüfung eines Integrations- und Sprachkurses bestanden und bereiten sich nun auf die Mittlere Reife vor. Wir trafen die jungen Männer zum gemeinsamen Interview mit den Koordinatoren für Flüchtlingsfragen am RBZ, Marion Gaudlitz und Reinold Wenzlaff. Beide arbeiten mit rund 400 Flüchtlingen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren.

Die Geschehnisse in Chemnitz bestimmen die Nachrichten. Was denken Sie, wenn Sie die Meldungen hören?

Mazen Al Kamsheh: Wir wissen wenig Details über diese Dinge – nur das, was man aus den Medien so mitbekommt. Aber was wir hören, macht uns betroffen. Wir lehnen Gewalt und Terrorismus strikt ab. Wir sind hierher gekommen, um endlich in Frieden leben zu können. In einer ähnlichen Situation würden wir daher genauso handeln wie die Männer in Chemnitz und die Polizei rufen, wenn wir etwas mitbekommen.

Hussam Mohamad: Für mich sind Menschen, die solche Taten planen, keine Muslime. Die Terroristen sagen zwar, sie würden im Namen des Islam handeln, aber das stimmt nicht.

Machen Sie sich Sorgen, dass sich nun die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber jungen Flüchtlingen verschlechtern könnte?

Majd Al Moualem: Wir fühlen uns in Itzehoe sehr wohl, und bis jetzt ist alles gut. Ich weiß nicht, ob das auch in anderen Regionen so ist, aber ich hoffe, dass es hier so bleibt wie bisher.

Hussam Mohamad:Ich habe kürzlich in Elmshorn zwei Polizisten nach dem Weg zum Busbahnhof gefragt. Sie haben mir geholfen, aber ich habe deutlich ihre Anspannung bemerkt. Vielleicht lag es daran, dass ich eine große Sporttasche dabei hatte. Ich hoffe, so etwas wird in Zukunft nicht häufiger vorkommen.

Wie sieht es hier am RBZ aus, spielt das Thema Radikaler Islamismus eine Rolle?

Reinold Wenzlaff: Man kann natürlich nicht in die Köpfe der Schüler hineinschauen, aber soweit wir das mitbekommen, spielt das bei uns keine Rolle. Überhaupt ist abgesehen von der persönlichen Betroffenheit, etwa bei Nachrichten aus Syrien, die Verwandte betreffen, das Interesse an der ‚großen Politik‘ bei den jungen Flüchtlingen meiner Erfahrung nach eher gering. Da stehen ganz andere Fragen im Vordergrund, etwa nach der beruflichen Zukunft oder praktische Dinge rund um Wohnung und Alltag in Deutschland. Das hat sicher auch mit Verdrängung zu tun. Alles, was mit dem Islamischen Staat und ähnlichem zu tun hat, erinnert an schwierige Erlebnisse. Man darf nicht vergessen, dass keiner dieser jungen Leute freiwillig hier ist.

Mazen Al Kamsheh: Das stimmt. Im Alltag sprechen wir eigentlich gar nicht über diese Dinge. Anderes ist wichtiger. Zum Beispiel Fragen rund um die Sprache und die Integration. Damit haben wir auch genug zu tun.

Marion Gaudlitz:Bei den Schülern geht es um anstehende Prüfungen, die Anerkennung von Zeugnissen und natürlich so Dinge wie die erste eigene Wohnung und so weiter. Das sind die wichtigen Themen – wie das bei jungen Leuten eben so ist.

Reinold Wenzlaff:Grundsätzlich können wir sagen, dass wir hier am RBZ einen ganz vernünftigen Umgang miteinander pflegen. Das fordern wir aber auch konsequent ein. Natürlich gibt es mal kleinere Reibereien, aber im Grunde keine Probleme.

Mehrfach wurde in anderen Regionen Deutschlands über gezielte Anwerbeversuche – oft im Internet – von Islamisten gegenüber hier lebenden Flüchtlingen berichtet. Ist Ihnen so etwas aus Ihrem Umfeld bekannt?

Mazen Al Kamsheh: Nein, von so etwas habe ich noch nichts gehört. Natürlich informieren wir uns über Facebook und so und halten Kontakt, aber dass es da Versuche der Kontaktaufnahme gegeben hätte, ist mir nicht bekannt.

Reinold Wenzlaff: Meines Wissens nach ist so etwas hier noch nie vorgekommen. Würden wir davon hören, würden wir natürlich die Polizei informieren. Es gibt da im Hintergrund Kontakte, die auch sehr gut funktionieren.

Klärt die Schule denn gezielt über Themen wie Terrorismus und Islamismus auf?

Marion Gaudlitz: Das würden wir tun, wenn wir einen Anlass dafür sehen würden. Bisher war dies aber nicht der Fall, und daher werden diese Dinge nicht besonders thematisiert.

Reinold Wenzlaff: Natürlich berührt zum Beispiel der Politik-Unterricht in gewisser Weise solche Dinge. Da geht es aber mehr darum, Wissen zu vermitteln, das hilft, sich hier zurechtzufinden. Zum Beispiel wie die deutsche Demokratie funktioniert. Da liegt eindeutig unser schulischer Schwerpunkt.

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erstellt am 12.Okt.2016 | 14:12 Uhr

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