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Norddeutsche Rundschau

10. Dezember 2016 | 05:58 Uhr

Interview : „Wir haben keine Probleme“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wenige Wochen nach der Amtsübernahme halten sich die Sorgen des neuen Chefs der Polizeidirektion Itzehoe, Thomas Schettler, in Grenzen.

Seit knapp zwei Wochen führt Thomas Schettler die Polizeidirektion Itzehoe, die die Kreise Steinburg und Dithmarschen umfasst. Er ist damit Vorgesetzter für rund 550 Mitarbeiter und zeichnet verantwortlich für die Sicherheit von knapp 265000 Menschen im Südwesten Schleswig-Holsteins. Unser Redaktionsmitglied Tobias Stegemann sprach mit dem 58-Jährigen über wachsende Herausforderungen, die zunehmende Gewalt gegen Einsatzkräfte und die spezielle Atmosphäre beim Wacken Open Air.

Herr Schettler, bei Ihrer Amtseinführung hieß es, sie wollten noch einmal zurück an die Front. War es Ihnen auf dem Schreibtischstuhl in Kiel zu langweilig?
Thomas Schettler:
Ich selber würde das nie so martialisch formulieren. Dennoch unterscheidet sich der taktisch-operative Dienst deutlich von dem, was in einem Landespolizeiamt stattfindet. Unter Langeweile habe ich dort definitiv nicht gelitten, aber es ist doch weit vom Basisdienst einer Landespolizei entfernt. Es war nach neun Jahren als IT-Manager einfach der richtige Zeitpunkt für mich, noch einmal etwas anderes zu machen.

Minister Stefan Studt sagt über Sie, Sie hätten den Beruf von der Pike auf gelernt. Also kennen Sie alle Facetten dieses Jobs und seine Probleme?
Alle auf keinen Fall, das geht gar nicht. Aber den schutzpolizeilichen Bereich kenne ich tatsächlich von Grund auf, weil ich 1974 als Wachtmeister eingestellt worden bin.

Was sind die größten Problemfelder, die Sie für Ihren Zuständigkeitsbereich vorrangig bearbeiten wollen?
Wir haben hier keine Probleme. Das muss man definitiv so sagen. Die Sicherheit in den Kreisen Steinburg und Dithmarschen würde ich als gut bezeichnen. Die aktuelle Kriminalitätslage liegt in einem für uns zufriedenstellenden Normalbereich. Das heißt, wir haben Kriminalität, aber die werden wir nie ganz verhindern, egal wie viel Polizei wir aufbieten. Personell sind wir so aufgestellt, dass wir Ausreißer in unterschiedlichen Deliktsbereichen schnell bearbeiten können.

Die dunkle Jahreszeit steht bevor. Befürchten Sie einen Anstieg der Einbruchszahlen?
Wir sind darauf vorbereitet, dass die Fallzahlen steigen, und deshalb ist es bei uns – wie auch landesweit – dauerhaft ein Schwerpunktthema. Insgesamt muss man festhalten, dass die Einbruchszahlen nicht auffällig sind. Grundsätzlich muss man sich Statistiken genau anschauen, sie analysieren und erläutern. Da besteht zum Teil ein sehr großer Interpretationsspielraum.

Der Rückzug der Polizei aus dem ländlichen Raum ist immer wieder in der öffentlichen Diskussion. Sind wir an einer Grenze des Vertretbaren angekommen?
Ich würde nicht von einem Rückzug aus dem ländlichen Raum sprechen. Wir haben immer noch die gleiche Anzahl von Kollegen in der Fläche, allerdings an anderen Orten. Die Vorstellung, dass mein Dorfschutzmann rund um die Uhr für die Sicherheit sorgt, entspricht nicht der Realität. Viele Gründe sprechen gegen so eine Vorstellung: Eigensicherungsaspekte oder Verlässlichkeit von Erreichbarkeit. Die Belastungssituation in den unterschiedlichen Bereichen führt in letzter Konsequenz dazu, dass ich eine bestimmte Personalstärke brauche, um eine rudimentäre Verlässlichkeit und Erreichbarkeit zu gewährleisten. Zu weiteren Schließungen wird es nicht kommen, dem würde ich aus fachlichen Gründen auch nicht zustimmen. Ich sehe aber auch nicht den umgekehrten Trend.

Sie sagen, dass die Verbesserung der Reaktionszeiten Ihrer Einsatzkräfte wünschenswertist. Sie sagen aber auch, dass sie noch nie zu spät gekommen sind. Wird das so bleiben?
Ich glaube, ich würde etwas Falsches sagen, wenn ich so etwas ausschließe. Das kann niemand, weil es nicht nur an der Zeit hängt. Zu spät kommen kann man innerhalb von einer Minute, genauso wie innerhalb von einer Stunde. Unser Ziel ist es, zehn Minuten nach der Alarmierung und dem Anruf bei der Polizei am Einsatzort zu sein. Aber in diesem Zusammenhang muss man dem Laien vielleicht den Begriff Reaktionszeit erklären.

Jetzt haben Sie die Gelegenheit.
Stellen Sie sich vor, es wählt jemand den Notruf und derjenige ist so aufgeregt, dass er fünf Minuten braucht, um dem Erstsprecher zu erklären, was überhaupt passiert ist. Dann ist die Hälfte der Reaktionszeit schon mal weg. Danach wird der Fall auf der Einsatzleitstelle eingeordnet, und es erfolgt die Auftragsvergabe an die Streife oder die zuständige Wache. Da fängt für uns die eigentliche Reaktionszeit an, weil die Kollegen auf der Wache erst dann Einfluss darauf haben.

Der Innenminister sagt mit Blick auf die Ausstattung: ,All das was notwendig ist, werden wir realisieren.’ Sie müssen bei dieser Aussage insgeheim Freudentränen vergossen haben?
Nicht mal insgeheim, das mache ich ganz öffentlich. Die Bereitschaft von Politik, von der Regierungskoalition, Haushaltsmittel in der gebotenen Größenordnung bereitzustellen, ist fachlich geboten. Ich finde es gut, dass die neuen Realitäten so angekommen sind, dass man entsprechend agiert.

Da sehen Sie Nachholbedarf?
Ja, besonders im Bereich der persönlichen Schutzausrüstung und der Kommunikationsmittel.

Sie sprechen von wachsenden Herausforderungen bei Verkehr, im IT-Bereich und bei der Kommunikation. Was konkret meinen Sie damit?
Bei der Verkehrssicherheitsarbeit bietet sich uns ein merkwürdiges Bild. Die Unfallzahlen in beiden Kreisen im vergangenen Jahr sind stärker als im Landesdurchschnitt gestiegen – nicht hochdramatisch, aber bei Steigerungen von um die zehn Prozent, muss man schon mal hinschauen. Es ist unverkennbar, dass die Menschen älter werden und somit auch mehr ältere Menschen im Straßenverkehr unterwegs sind. Das wird Polizeiarbeit beeinflussen. Zudem schreitet die Technik in Wahnsinnsschritten voran. Das reicht von Fahrassistenten bis zu vollkommen autonom fahrenden Fahrzeugen. Durch diese technischen Innovationen in den nächsten zehn, zwanzig Jahren werden wir eine Veränderung im Straßenverkehr erleben, die sehr großen Einfluss auf unser polizeiliches Alltagsgeschäft haben wird. Aktuell sorgen wir uns um die Nutzung von Smartphones während der Fahrt. Wir stellen fest, dass unheimlich viel in den Fahrzeugen kommuniziert wird. Das ist eine gefährliche Ablenkungsquelle, und es wird ein Schwerpunkt bei unseren Kontrollen werden. Wir werden dabei den Dialog mit den Verkehrsbehörden und den Gerichten suchen.

Die Gewalt gegen Einsatzkräfte nimmt zu. Sind Ihre Kollegen darauf vorbereitet?
Wir können vor der Realität nicht die Augen verschließen. In 2014 haben wir im Durchschnitt vier Fälle im Monat registriert, 2015 waren es sechs, und aktuelle sind wir schon bei acht Fällen. Innerhalb von drei Jahren eine Steigerung von einhundert Prozent. Das ist bemerkenswert. Aber ja, wir sind darauf vorbereitet, indem wir unser Einsatztraining und unsere Schutzausrüstung darauf eingestellt haben. Die Kollegen sind dahingehend ausgesprochen sensibel. Leider führt das bisweilen auch zu Distanz zu den Bürgern, wenn der Beamte martialisch rüberkommt. Das kann von einem Vertrauens- in ein Misstrauensverhältnis umschlagen. Das wäre nicht gut und bereitet mir Sorge.

Da sind dann Erlebnisse wie beim Wacken Open Air eine schöne Abwechslung, vermute ich?
Oh ja, auf jeden Fall. Es war etwas Besonderes, weil ich bei meinen mehr als einhundert Streifengängen über das Gelände immer wieder zu hören bekam: ,Schön, dass ihr da seid.’

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erstellt am 27.Sep.2016 | 04:42 Uhr

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