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Norddeutsche Rundschau

09. Dezember 2016 | 14:45 Uhr

Landrat Torsten Wendt : „Wir haben ein Problem beim Katastrophenschutz“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Essensvorräte für den Katastrophenfall anlegen – dazu rät aktuell die Bundesregierung im Zivilschutzkonzept. Nichts Neues, sagt Landrat Torsten Wendt aus Itzehoe und rät, diese Empfehlung durchaus ernst zu nehmen.

Der Katastrophenschutz ist seit Langem ein persönliches Anliegen von Landrat Torsten Wendt (46). Viele Jahre engagierte er sich ehrenamtlich beim Kreisverband Alfeld (Niedersachsen) des Deutschen Roten Kreuzes, bis heute ist der 46-Jährige Gastdozent an der Hamburger Bundeswehrführungsakademie für das Thema „Schutz kritischer Infrastrukturen“. Als Landrat ist Wendt qua Amt oberster Katastrophenschützer in Itzehoe und im Kreis Steinburg. Im Interview rät er dazu, das neue Zivilschutzkonzept der Bundesregierung durchaus ernst zu nehmen.

Herr Wendt, die Bundesregierung fordert die Bürger im neuen Zivilschutzkonzept dazu auf, Lebensmittelvorräte für einen Zeitraum von zehn Tagen anzulegen. Ist das in Ihren Augen sinnvolle Vorsorge für den Katastrophenfall oder nur Panikmache?
Das ist eine sinnvolle Empfehlung, die das Bundesinnenministerium ausspricht. Sie ist allerdings auch nicht neu. Es gibt seit Langem bereits Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe für Haushalte, sich für mehrere Tage zu bevorraten.

Warum weiß bisher kaum jemand von diesen Empfehlungen?

Kaum ein Bürger beschäftigt sich gedanklich mit Katastrophen-Szenarien. Das ist ein unbequemes Thema.

Der Vorschlag kommt gut ein Jahr vor den nächsten Bundestagswahlen, in Zeiten, in denen die Politiker für ihr Handeln immer weniger Zustimmung finden. Das riecht doch nach Aktionismus…
Nein, aus meiner Sicht nicht. Wir haben in Deutschland ein Problem beim Katastrophenschutz, das sich in der Vergangenheit auch in einigen Fällen gezeigt hat. Bei den Elbehochwassern mussten teilweise bundesweit Katastrophenschutzeinheiten aus den einzelnen Landkreisen zusammengezogen werden, um adäquat Hilfe gewähren zu können. Die Einheiten sind häufig in den eigenen Kreisen nicht in der Lage, die Bevölkerung ausreichend zu versorgen.

Das heißt eine solche Vorratshaltung ist eher sinnvoll in Fällen von Hochwassern als in Fällen von Terrorismus?

Für mich hat das durchaus einen Bezug zum Terrorismus, aber auch zu Naturkatastrophen. Unsere Infrastruktur könnte von beiden Themenkreisen betroffen sein. Naturereignisse können beispielsweise bei uns die Strom- und Wasserversorgung lahmlegen. In solchen Fällen ist es dann immer gut, wenn man zu Hause noch in der Lage ist, sich selbst über ein paar Tage zu versorgen. Trinkwasser aus dem Hahn wird es beispielsweise dann nicht mehr geben.

Ist ein Hochwasser denn auch das wahrscheinlichste Szenario, auf das sich die Bürger im Kreis Steinburg vorbereiten sollten, oder gibt es im Moment konkrete Hinweise, dass die Sicherheit der Region auch in anderer Art und Weise bedroht ist?

Wir haben hier im Kreis Steinburg eine Gefahrenanalyse betrieben, die in der Tat zeigt, dass Sturmflut und Hochwasser wahrscheinlicher sind als vieles andere. Aber wir haben im Kreisgebiet auch einige Betriebe, die in Störfällen kritische Situationen auslösen können, beispielsweise durch einen Gasaustritt. In einem solchen Fall müssten wir die Bevölkerung animieren, zu Hause zu bleiben und Fenster und Türen geschlossen zu halten. So ein Szenario werden wir übrigens dieses Jahr im September üben.

Es heißt, dass der Bund schon lange für den Katastrophenfall vorsorgt und über die ganze Republik verteilt, Lebensmittel gehortet hat. Hat auch der Kreis Steinburg solche Notfall-Vorräte für seine Bürger angelegt?

Nein, das haben wir nicht.

Als oberster Katastrophenschützer in Itzehoe setzen Sie sich seit langem mit dem Thema auseinander. Welche weiteren bundesweiten Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach erforderlich, um die Bürger im Kreis Steinburg bestmöglich vor Katastrophen zu schützen?
Wir brauchen aus meiner Sicht eine deutliche Stärkung des Ehrenamts im Katastrophenschutz. Die Strukturen basieren mit den Feuerwehren und Hilfsorganisationen weitestgehend auf Freiwilligen. Wir müssen viel mehr dafür werben, dass sich junge Leute im Katastrophenschutz engagieren. Dafür brauchen wir auch eine verbesserte finanzielle Ausstattung seitens des Bundes. Außerdem müssen wir uns mehr darauf einstellen, dass wir die Katastrophenschutzeinheiten der Kreise bundesweit bewegen können. Es gibt schon gute Ansätze, aber das Konzept ist noch nicht ausgereift.


Wie sollen die Bürger mit dem neuen Zivilschutzkonzept umgehen? Sollte nun gleich heute jeder zum Supermarkt gehen und sich mit Vorräten eindecken?
Ich glaube, wir können alle durchaus entspannt sein, gerade hier im Kreis Steinburg. In größeren Städten ist die Terrorgefahr durchaus höher als hier im ländlichen Bereich. Ich kann nur empfehlen, die Ratschläge zu registrieren und beizeiten in den nächste Monaten einen kleinen Notvorrat zu Hause anzulegen. Aber es nicht angebracht, gleich heute in den nächsten Supermarkt zu stürmen und dort die Regale leer zu räumen.

> Die Checkliste für Notfallvorräte des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die seit Langem publiziert ist, ist zu finden auf www.bbk.bund.de

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erstellt am 24.Aug.2016 | 05:06 Uhr

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