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Norddeutsche Rundschau

05. Dezember 2016 | 15:40 Uhr

Neue Energien : Windräder nach dem Aldi-Prinzip

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mit einem neuartigen Geschäftsmodell will Newrizon Windparks errichten – und über Stiftungen 90 Prozent des Gewinns in die Region fließen lassen.

Sie versprechen die Rettung des ländlichen Raumes – und wollen damit sogar noch Geld verdienen. Ein neuartiges Geschäftsmodell für Ansiedlung und Betrieb von Windkraftanlagen wurde jetzt vor einem durchaus skeptischen Publikum in Neuendorf-Sachsenbande vorgestellt. Danach sollen – nach Abzug aller Kosten und Steuern – 50 Prozent aller durch den Stromverkauf erzielten Gewinne über eine Stiftung direkt in die Standortgemeinde fließen. Weitere 40 Prozent – über eine weitere Stiftung – sollen allen übrigen Wilstermarschgemeinden zugute kommen. Die Betreiber selbst wollen sich dabei mit zehn Prozent aus den Gewinnen begnügen. Hinter dem Modell stehen acht Gesellschafter, die ihr Geld in verschiedenen anderen Branchen verdienen, und sich zu dem Unternehmen Newrizon – abgeleitet vom englischen New Horizon, was so viel wie Neuer Horizont bedeutet – zusammengetan haben. Sie alle haben sich nach eigenem Bekunden einer „human-sozialen Marktwirtschaft“ verschrieben. Ihr erklärtes Ziel: Das mit erneuerbaren Energien gewonnene Geld soll in den jeweiligen Regionen bleiben. „Wir sind kein Windkraftunternehmen. Wir lösen mit unternehmerischen Mitteln Probleme, wo die Politik versagt hat“, sagt Klaus-Michael Rothe als geschäftsführender Gesellschafter.

Die Vertreter der neuen Horizonte zeichneten zum Auftakt ein eher düsteres Bild von der Zukunft des ländlichen Raums. Abwandernde Einwohner, verschwindende Infrastruktur, überalterte Bevölkerung. Umso wichtiger sei es, dass Geld in die Regionen außerhalb urbaner Ballungsräume fließe. Die einzige Ressource, die es dort gebe, seien nun einmal Raum und Wind. „Sie selbst machen Ihren Wind zu Geld“, erläuterte Mit-Gesellschafter Cartano Poburski. Der Systemarchitekt und Flächenanalytiker verwies wiederholt auf seine Kenntnisse von Region und Menschen. Lange Jahre habe er in Brunsbüttel gelebt, fünf Jahre im Dithmarscher Kreistag gesessen. Und: Er habe als einziger gegen die Ansiedlung von Kohlekraftwerken geklagt. „Und das erfolgreich.“ Der Sprecher betonte dann die volkswirtschaftlichen Vorteile des Newrizon-Modells. Dadurch, so sagte er, dass die Wind-Gewinne zum allergrößten Teil in der Region blieben, komme wieder ein Wirtschaftskreislauf in Gang, der fast zum Erliegen gekommen sei. „Ich glaube an den ländlichen Raum.“

Das mochte Klaus-Michael Rothe nur unterstreichen. Angesichts immer ungläubigerer Blicke aus den Reihen seiner Zuhörer ließ Rothe dann erkennen, wie auch er und seine Gesellschafter mit dem Modell viel Geld verdienen wollen: „Für uns gilt das Aldi-Prinzip. Und Aldi ist ein Segen für Deutschland.“ Mit anderen Worten: Newrizon will in Deutschland möglichst viele Windparks errichten und Gewinnmaximierung schlicht über die Menge der Anlagen betreiben. Die dafür erforderliche Akzeptanz in der Bevölkerung erhoffe man sich über großzügige Ausschüttungsmechanismen. „Das klingt ja wie Mutter Theresa“, ertönte eine Stimme aus dem Publikum. Rothe und seine Mitstreiter griffen derartige Bedenken immer wieder auf. „Ja, es stimmt: Wir verschenken etwas. Aber auch zu unserem Vorteil“, bekannte Poburski. Auch Projektplaner Tom Becker räumte freimütig ein: „Es geht auch darum, Akzeptanz für Windenergie zu erhöhen. Das ermöglicht die Menge der Anlagen.“ Rothe warf ein: „Wir sind die ersten, die ganz offen sagen, wie viel Geld wirklich mit Windenergie verdient wird.“ Er betonte aber auch, dass die Gesellschaft kein „Sozialkaufhaus für Arme sei“. Letztlich gehe es darum, dass alle Beteiligten von der Nutzung der Windenergie profitierten und das Geld nicht in die Taschen großer Konzerne fließe.

Die Zuhörer – zumindest die Wortführer unter ihnen – blieben zum großen Teil skeptisch. „Wir haben gar keine Schule mehr, die man mit dem Geld noch fördern könnte“, entfuhr es einem älteren Herrn, nach dem Newrizon als Beispiele für sinnvolle Projekte neben Schulen auch Bürgerbus, Dorfladen, organisierte Nachbarschaftshilfen, Kulturprojekte, Pflegestützpunkte und vieles mehr angeführt hatte. Neben grundsätzlichen Zweifeln am Umfang der angekündigten Gewinne gab es aus dem Publikum auch kritische Bemerkungen wie „400 Meter Abstand zu Wohnhäusern ist vorsätzliche Körperverletzung“ oder schlicht der Hinweis „wir brauchen keine weiteren Windräder“. Beklagt wurden auch jegliche fehlende Einflussmöglichkeiten. Newrizon versprach lediglich, alle Bücher und Zahlen offen legen zu wollen.

Großen Einfluss auf die weitere Entwicklung haben allerdings weder Einwohner noch Gemeinde. Bürgermeister Jens Tiedemann: „Die Gemeinde hatte sich gegen den weiteren Ausbau der Windenergie ausgesprochen. Was in Kiel passiert, steht noch nicht fest.“ Tatsächlich hängt jetzt alles davon ab, welche Flächen die Landesregierung am Ende ihrer Regionalplanung ausweisen wird. Klaus-Michael Rothe: „Wenn Kiel entsprechend entscheidet, würden wir das hier umsetzen wollen.“ Nächste Woche will Newrizon seine Vorstellungen von einer „neuen Ökonomie für ländliche Räume“ den versammelten Wilstermarsch-Bürgermeistern vorstellen.

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erstellt am 21.Jul.2016 | 05:24 Uhr

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