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B206 und B77 bei Itzehoe : Wildwechsel im Frühjahr: Stinkbomben sollen Leben retten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ein Förster warnt vor steigender Gefahr von Wildunfällen rund um Itzehoe. Duftstoffe sollen Rehe von Straßen fernhalten.

Itzehoe | Es stinkt am Waldrand des Stadtforstes an der Bundesstraße 206 und zwar gewaltig: Von einem kleinen Holzpfahl, auf den ein Stück Stoff genagelt ist, strömt ein beißender Gestank aus. Der strenge Mief soll Leben retten – sowohl die von Autofahrern als auch die von Wildtieren. Ausgebracht haben die Duftstoffe Förster Torsten Wismar und sein Team. Denn die Mitarbeiter im Stadtwald blicken mit Sorge auf die rund zehn Kilometer lange Strecke, an der ihr Wald an die Bundesstraßen 206 und 77 grenzt. Die Zahl der Wildunfälle ist stark angestiegen.

15.000 Wildunfälle gibt es im Jahr in Schleswig-Holstein. Der ADAC hat festgestellt, dass Duftzäune und Reflektoren gegen Wildunfälle wirken. Problem: Reflektoren funktionieren nur nachts und die Duftzäune müssen regelmäßig „gewartet“, also aufgefrischt werden. Daher ist angepasste Geschwindigkeit nach wie vor wichtig, um Unfälle mit Wild zu vermeiden.

„Jetzt im Frühjahr ist die Gefahr besonders groß“, erklärt Wismar. Aktuell fechten die Rehböcke ihre jährlichen Revierkämpfe aus. Dann sind die Tiere besonders gefährdet, in den Straßenverkehr zu geraten. Knapp 600 Hektar Wald der Stadt Itzehoe und des Kreises Steinburg betreut Wismar, das Gros liegt im Nordosten des Stadtgebiets. „Ich bin seit über 30 Jahren hier tätig“, sagt Wismar. „So schlimm wie jetzt war es mit den Wildunfällen noch nie.“ 40 Rehe seien im vergangenen Jahr von Fahrzeugen erfasst worden, hinzu kommen sechs Wildschweine. „Und das sind nur die Fälle, die gemeldet wurden. Es gibt noch eine gewisse Dunkelziffer.“

Geruchsträger im Wald: Auf Pfählen sind Duftstoffe am Waldrand im Bereich der Bundesstraßen ausgebracht worden.
Geruchsträger im Wald: Auf Pfählen sind Duftstoffe am Waldrand im Bereich der Bundesstraßen ausgebracht worden. Foto: Delf Gravert
 

Betroffen sind vor allem die Bundesstraße 77 Richtung Hohenwestedt und die B206 Richtung Kellinghusen. „Die 206 war immer schon ein Schwerpunkt, aber gerade an der 77 bemerken wir einen starken Anstieg.“ Um Autofahrer und Tiere zu schützen, habe man bereits vor einiger Zeit blaue Reflektoren am Straßenrand angebracht. Sie sollen das Wild vom Überqueren der Straßen abhalten, wenn Autos in der Nähe sind und die Reflektoren anleuchten. „Die Strahler leuchten in den Wald hinein und sollen wie eine Barriere wirken“, erklärt Wismar. „Gebracht hat das leider wenig. In anderen Regionen sind mit den Reflektoren gute Ergebnisse erzielt worden, bei uns ist die Zahl der Unfälle trotzdem weiter angestiegen.“ An Schwerpunkten hat der Förster inzwischen nachgerüstet und neue, mehrfarbige Reflektoren anbringen lassen. „Ob die besser funktionieren, wissen wir noch nicht.“ Wismar ist nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre skeptisch.

Nun seien deshalb entlang der Bundesstraßen die sogenannten Duftzäune in der Erprobung. Zwei unterschiedliche Stoffe werden eingesetzt. Zum einen wird mit einer Art Bauschaum als Trägerstoff ein Gemisch aus Wolf-, Luchs- und Braunbär-Geruch im Randbereich an Pflanzen gesprüht. „Der Duft soll die Tiere zum Stoppen bringen, weil sie Gefahr wittern.“ Im Optimalfall würden Rehe und Wildschweine den Bereich dann meiden oder zumindest die Reflektoren besser wahrnehmen, weil sie wachsamer die Umgebung beobachten. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch ein anderer Duftstoff, eine „richtige professionelle Stinkbombe“, die auf kleinen Holz- oder Kunststoffstäben ausgebracht wird.

Farbiger Reflektor: An Unfallschwerpunkten soll so Wild abgeschreckt werden.
Farbiger Reflektor: An Unfallschwerpunkten soll so Wild abgeschreckt werden. Foto: Delf Gravert
 

Als dritte Maßnahme neben Gestank und Reflektoren werden auch gezielt Rehe im Randbereich an den Straßen geschossen, um die Tiere aus diesem Teil des Waldes zu verdrängen und das Risiko für Autofahrer zu senken. „Wir sind aber natürlich an die gesetzlichen Vorgaben wie etwa Schonzeiten gebunden. Deshalb ist dieser Weg nur begrenzt erfolgreich.“ Zu den Ursachen für den starken Anstieg der Wildunfälle kann der Förster nur „begründet spekulieren“. Die Bestände an Rehwild seien im Verhältnis nicht so stark gewachsen wie die Zahl der Unfälle.

Wismar vermutet zwei andere Gründe hinter dem erhöhten Risiko: „Zum einen ist der Verkehr einfach stark angestiegen. Dadurch steigt natürlich die Gefahr von Zusammenstößen.“ Zum anderen seien die Rehe mehr in Bewegung als früher. „Sie kommen nicht mehr zur Ruhe.“ Ein Grund dafür sind neue tierische Nachbarn. Wildschweine sind seit einigen Jahren im Stadtwald heimisch. Früher gab es sie dort nicht. „Es gibt in der Gegend große Rotten mit bis zu 30 Tieren“, berichtet Wismar. Das Schwarzwild sei sehr mobil und überwinde weite Entfernungen auf der Suche nach Nahrung. Dabei seien die Wildschweine nicht nur selbst eine Gefahr für Autofahrer, sondern brächten auch die Rehe in Bewegung. Doch die Schweine sind nur eine von mehreren Belastungen für die Rehe. „Es ist ein ganzes Bündel an Gründen“, sagt Wismar. Freilaufende Hunde im Wald, Jogger, die nachts mit Stirnleuchten unterwegs sind, Geocacher, die weit abseits der Waldwege ihrem Hobby nachgehen – all das trage zu mehr Bewegung des Rehwildbestandes bei.

Torsten Wismar
Torsten Wismar Foto: Privat

Die Gefahr für Autofahrer wird also hoch bleiben, warnt Wismar. Besonders vorsichtig sollten sie jetzt im Frühjahr sowie im Spätsommer sein, rät der Förster. Denn nicht nur jetzt im Kampfrausch seien die Rehböcke wesentlich unvorsichtiger als sonst. Auch während der Brunft von etwa Mitte Juli bis Ende August sind die Rehe unvorsichtiger und mehr in Bewegung als sonst – und laufen Gefahr mit Autos zusammenzustoßen.

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erstellt am 18.Apr.2017 | 06:10 Uhr

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