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Norddeutsche Rundschau

09. Dezember 2016 | 18:28 Uhr

Mein Lieblingsort : Wer anderen eine Grube gräbt...

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Lägerdorfer Uwe Erickson hat gleich zwei Lieblingsplätze im Ort: Zu seinen schönsten Ecken zählen die Kreidegruben und das Freibad.

Was verbindet Menschen mit dem Ort, in dem sie leben? Welches Fleckchen hat den Ort besonders geprägt? Und an welchen Plätzen halten sich die Einwohner besonders gerne auf? Mit alteingesessenen Bürgern machen wir einen Spaziergang durch ihre Heimatgemeinde. Im Auftakt unserer Serie geht es mit Uwe Erickson durch Lägerdorf.

In Lägerdorf wurde schon immer viel gegraben. Um Felder zu bestellen, um Kreide abzubauen oder ein Schwimmbecken auszuheben. Herausgekommen sind dabei die Lieblingsplätze von Einwohner Uwe Erickson: die Kreidegruben und das Freibad. Hier trifft man sich.

Von seinem Haus aus hat es Dorf-Historiker Uwe Erickson nicht weit bis zur Heidestraße, an deren Ende die Kreidegrube fast 100 Meter steil abfällt. Ursprünglich war die Straße länger, nun endet sie vor den Bahnschienen. Wegen des Kreideabbaus mussten einige Häuser und ein Stück Straße der Grube weichen, erklärt der 67-Jährige. Genau da entsteht gerade eine neue Attraktion, ein neuer Lieblingsplatz für Lägerdorf: eine Aussichtsplattform.

Bald werden dort Sitzbänke aufgestellt und Parkplätze entstehen. „Die Einweihung der Aussichtsplattform ist für den 20. Mai geplant“, verrät Erickson. Bagger und Lkw sehen von dort oben aus wie Spielzeugautos, der helle Boden, die steilen Hänge, der türkisfarbene Baggersee, der weite Ausblick – eine einmalige Kulisse mit Gänsehautgarantie. Die Aussicht fasziniert auch Auswärtige. „In den 70er und 80er Jahren fuhr ein Busunternehmen aus Neumünster extra her, damit sich die Leute die Kreidegruben ansehen können“, erinnert sich Erickson. Aber irgendwann war alles zugewachsen. Büsche und Bäume versperrten lange den Blick auf die Gruben. Nun ist Vegetation an der Heidestraße verschwunden und gibt damit auch das wohl populärste Stück Dorfgeschichte frei: den Kreideabbau. „Lägerdorf liegt an dem sogenannten Kreiderücken, der sich von Schweden, über Dänemark, bis nach England zieht“, weiß Erickson. An den Verwerfungen wurde die Kreide hochgedrückt und ist dann wie auf Rügen als weiße Felsen sichtbar oder liegt wie in Lägerdorf ganz knapp unter dem Boden.

Dass das Dorf auf so wertvollem Boden liegt, wusste Jahrhunderte lang keiner. Um 1150 kamen holländische Siedler und legten das Marschenland der einstigen Geestinsel „Welna“ trocken. So kam die heute rund 2700 Einwohner zählende Gemeinde auch zu ihrem Namen: Legerdorpe. Hauptsächlich verdienten sich die Einwohner mit Landwirtschaft ihr Geld. Aber immer mehr Bauern stießen beim Pflügen auf Kreide. Erst im Jahr 1737 ist die erste wirtschaftliche Nutzung der Kreide registriert. Und erst 1862 siedelte sich die Zementindustrie im Dorf an. „Das waren zunächst ganz viele Firmen“, berichtet Erickson. Die zwei größten schlossen sich schließlich zu dem heute bekannten Werk Holcim zusammen, das immer noch Kreide abbaut.

Seit die Kreide abgebaut wird, ist das Dorf immer wieder im Umbruch. Die Industrialisierung zog viele Arbeiter nach Lägerdorf. Über 4000 Menschen lebten in der Gemeinde. Gaststätte reihte sich an Gaststätte. Wenn Erickson heute durch Lägerdorf fährt, kann er zu jedem Haus eine Geschichte erzählen. „Ich habe für die Einheimischen Wanderungen angeboten.“ Im Café Janson, dem heutigen Restaurant „Roseneck“, sollte 1923 die Revolution ausgerufen werden, in den heutigen Wohnhäusern in der Rosenstraße war mal ein Lebensmittelladen, dort ein Schlachter oder Sattler. Die Leute wurden aber mobiler, Manpower durch Maschinen ersetzt. „Ende der 60er begann dann das Sterben der Gewerbetreibenden.“

Aber eines soll bleiben: „Die Gemeindevertretung hat beschlossen, dass das Freibad auf jeden Fall erhalten werden muss“, betont Erickson. Dabei stand das Bad unter Trägerschaft der Gemeinde vor knapp zehn Jahren schon einmal vor dem Aus. „Die Kosten waren nicht mehr haltbar“, schildert Uwe Erickson den Grund. Aber die Lägerdorfer lieben ihr Freibad. „Es formierte sich eine Bürgerinitiative, und der Förderverein Freibad Lägerdorf hat sich gegründet.“ Dieses Jahr feiert das Freibad runden Geburtstag. Vor 60 Jahren vergnügten sich zum ersten Mal Lägerdorfer in ihren eigenen zwei Becken. „Durchschnittlich haben wir jedes Jahr 17  000 bis 20  000 Besucher“, macht Schwimmmeister Felix Köpsel (29) deutlich.

Am 15. Mai eröffnet das Freibad wieder bis Mitte September seine Tore, bis dahin müssen Köpsel und sein Kollege und Schwimmmeistergehilfe Olaf Petersen (48) noch das 20 mal 50 Meter große Becken schrubben. „So große Becken sind in Schleswig-Holstein selten“, informiert Köpsel. Zwei Millionen Liter Wasser fasst das Schwimmerbecken, die mit vier Blockheizkraftwerken auf Temperatur gebracht werden. „Hier treffen sich Senioren zum Frühschwimmen, Kinder kommen nach der Schule“, weiß Erickson. „Im Freibad treffen sich Jung und Alt.“ Schwimmen, Volleyballfeld, Spielplatz für die ganz Kleinen, „Barfußpfad“ mit Fitnessgeräten auf dem Platz der Generationen und Gummistiefel-Golf: Das Freibad bietet neben dem nassen Vergnügen auch jede Menge andere Freizeitaktivitäten.

Und alle helfen mit, damit ihr Lieblingsplatz auch schön bleibt. Olaf Petersen ist beeindruckt und stolz, dass Förderverein-Mitglieder und Auszubildende der Firma Holcim auf 1200 Quadratmeter Fläche binnen 3000 Stunden 62  510 Steine verlegten. Der finanzielle Aufwand betrug dabei rund 45000 Euro. Gedeckt wurden die Kosten durch Mitgliedsbeiträge und Spenden der Paten.

Pünktlich zur großen Geburtstagsfeier ist alles fertig. Felix Köpsel: „Zum runden Geburtstag im Juni wird es eine Weltmeisterschaft im Badewannenrennen geben und ein Gottesdienst abgehalten.“ Und eine ganz besondere Premiere: „Erstmals werden zwei hier Kinder getauft“, so Köpsel.

Das Freibad sei ein wunderbarer Ort, um dort besondere Anlässe zu begehen – wie zum Beispiel eine Taufe, meint Pastor Thomas Johannsen. „Die Verbindung liegt auf der Hand, denn bei beiden spielt Wasser eine wichtige Rolle.“ Aber auch die Tatsache, dass Menschen aller Altersstufen dort zusammenkämen, mache das Freibad für Lägerdorf so wichtig. „Und da dies ja auch im Gottesdienst geschieht, passt dies gut zusammen“, betont der Pastor. „Und nicht zu vergessen, geht es im Freibad um Erholung und Spaß. Und so etwas kann nun wirklich nur im Sinne Gottes sein“, fügt er überzeugend hinzu.  

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