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Norddeutsche Rundschau

28. Mai 2016 | 07:46 Uhr

Stromzahlungen : Wenn die Stadtwerke den Stecker ziehen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Zahl der Stromsperrungen in Itzehoe ist in den vergangenen Jahren gesunken. Allerdings können immer mehr Verbraucher ihre Rechnungen nicht bezahlen.

Sie konnte einfach nicht mehr zahlen. Immer wieder mussten die Mitarbeiter der Stadtwerke ausrücken und einer alleinstehenden Frau den Strom abstellen, weil sie die Rechnung nicht gezahlt hatte. „Wir kennen diese Fälle zur Genüge“, sagt Rolf Maaß, Bereichsleiter Kundenservice und Zahlungsverkehr bei den Stadtwerken Itzehoe. Bundesweit steigt der Anteil derjenigen, die ihren Strom wegen steigender Energiepreise nicht zahlen können – und damit auch die Zahl der Stromsperren. „Bei uns ist das anders“, sagt Maaß. Stellten die beiden Mitarbeiter der Stadtwerke, die den ganzen Tag nichts anderes tun haben, als sich in Itzehoe mit Stromsperren zu beschäftigen, im Jahr 2012 noch 414 Itzehoern den Strom ab, waren es ein Jahr später nur noch 345. Im Jahr 2014 waren es 268, im vergangenen Jahr nur noch 230. Woran liegt das?

„Bei uns ist der Kontakt zum Kunden entscheidend, der natürlich direkter ist als in einer Großstadt“, sagt Maaß. Dazu versenden die Stadtwerke Sperrandrohungen erst ab einer ausstehenden Summe von 100 Euro und nach der zweiten Mahnung. „Dann werden viele Kunden schon aufmerksamer“, sagt Marc Schwarzin, Gruppenleiter Zahlungsverkehr bei den Stadtwerken. Nur wer auch nach Ankündigung eines Sperrtermins nicht zahlen könne oder wolle, dem werde der Strom abgestellt – manchmal monatelang, bis die Kunden wieder bei Kasse sind.

Doch die Statistik, die auf den ersten Blick in Itzehoe gut aussieht, hat einen Haken. Denn die Stadtwerke bleiben auf immer mehr Rechnungen sitzen. „Das wird immer schlimmer“, sagt Schwarzin. „Erschreckend“ , findet Rolf Maaß diesen Trend und hat eine Erklärung. „Man merkt, dass es den Menschen immer schlechter geht.“ So sei die hohe Zahl der Privatinsolvenzen spürbar, viele Menschen seien überschuldet, und das merkten auch die Energieversorger. „Viele Menschen lassen dann unliebsame Rechnungen in der Schublade liegen und reagieren gar nicht“, sagt Schwarzin. Er rät allen Kunden mit Zahlungsschwierigkeiten, sich möglichst früh an die Stadtwerke zu wenden. „Wenn die Leute mit uns reden, dann können wir meist auch eine Lösung finden“, ergänzt Maaß. Vor allem hätten die Stadtwerke aber mit so genannten Mietnomaden zu tun, die häufig bei Jahresabrechnungen das Weite suchen. „Denen ist oft alles egal, die ziehen einfach um, und wir wissen nicht wohin.“ Wenn die Stadtwerke keine Adresse mehr herausfinden können übergeben sie die Zahlungsforderung einem Inkasso-Büro. Und dennoch sei nicht gewährleistet, dass sie das Geld bekommen. „Viele dieser Kunden haben überall Schulden, da sind wir nur einer von vielen Gläubigern“, sagt Maaß.

Selbst wenn die Kunden irgendwann wieder bei den Stadtwerken auftauchen, seien diese verpflichtet, ihnen Strom zu liefern. „Wir dürfen als Grundversorger keine Kunden ablehnen“, sagt Maaß. „Allerdings bestehen wir dann auf Vorkasse.“ Das ist auch bei anderen Kunden so, denen bereits mehrfach der Strom abgesperrt worden ist. „Einige Kunden haben einen Vorkassenzähler“, sagt Maaß. Der funktioniere wie eine Prepaid-Karte beim Handy. Die Kunden könnten auch kleine Beträge auf einen Chipschlüssel laden, den sie dann in den modifizierten Stromzähler stecken. Bevor das Guthaben aufgebraucht ist, leuchte eine Warnlampe. „Die Umrüstung ist technisch kein großes Problem“, sagt Schwarzin. In manchen Häusern seien die Zähler seit Jahren installiert, „weil wir dort immer Probleme mit wechselnden Mietern haben, die nicht zahlen“, sagt Maaß. Das könne die Kunden auch erziehen, ergänzt Schwarzin. „Der Stromverbrauch sinkt so doch ganz erheblich.“ So wie bei der alleinstehenden Frau, der die Stadtwerke immer wieder den Strom abgeschaltet haben. „Die hat quasi eine Schuldenberatung bekommen. Sie hat sich zunächst zwar mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, dass wir ihr einen Vorkassenzähler einbauen“, erinnert sich Marc Schwarzin.

Doch als die Frau auf diesem Wege ihre Schulden abgezahlt habe, hätten ihr die Stadtwerke einen Brief geschickt, in dem sie ihr den Abbau des Zählers angeboten hätten. Doch die Frau sei kurz darauf bei den Stadtwerken mit dem Schreiben in der Hand erschienen. Schwarzin: „Sie hat nur gesagt: ,Den Brief behaltet ihr, ich behalte den Zähler.‘“

> Mehr Stromabschaltungen

2014 wurde so vielen Haushalten der Strom abgeklemmt wie nie zuvor. Grund sind steigende Preise für Elektrizität. 351  802 Haushaltskunden wurde 2014 laut Bundesnetzagentur der Strom abgeklemmt. Im Jahr 2013 gab es 344  798 Stromsperren, 2012 waren es rund 320  000. Laut Bundesnetzagentur drohten Lieferanten ihren Kunden 6,3 Millionen Mal, den Strom zu kappen, weil sie mit mehr als 100 Euro bei den Versorgern in der Kreide standen. Seit 2002 haben sich die Stromkosten für Verbraucher fast verdoppelt.

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erstellt am 18.Mär.2016 | 12:14 Uhr

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