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Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 18:44 Uhr

Zeitungszustellung : Wenn die Stadt im Tiefschlaf liegt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mit Austrägerin Camilla Bunten unterwegs im nächtlichen Wilster. Nach gut zwei Stunden stecken 200 Zeitungen in den Briefkästen.

Die ganze Stadt liegt noch im Tiefschlaf: keine Fußgänger, keine Autos, keine Schulkinder, keine Pendler, kein Lieferverkehr. Nichts. Das einzige Geräusch, das aus einem Haus heraus ertönt, ist die Wasserspülung einer Toilette. Dann geht auch hier wieder das Licht aus. Gäbe es die Straßenbeleuchtung nicht, man befände sich in einem urbanen Niemandsland. Es ist 4 Uhr morgens in Wilster. Aber nicht alle schlafen.

Camilla Bunten ist um diese Zeit sogar schon seit einer Stunde auf den Beinen. Oder besser gesagt: Auf vier Rädern. Im nächsten Moment kurvt sie mit ihrem Scooter schon um die Ecke am Kohlmarkt. Ohne sie könnte man diese Zeilen gar nicht lesen. Die 64-Jährige ist Austrägerin unserer Zeitung. Und das mit voller Leidenschaft.

Rund 200 Exemplare der Wilsterschen Zeitung und einige der Norddeutschen Rundschau wird sie in diesen frühen Morgenstunden im Gebiet der Innenstadt an die Leser bringen. Und sie hat ein ausgeklügeltes System, damit sie niemanden vergisst. Immer zehn Exemplare legt sie auf ihrem Sitz bereit und fährt dann mit ihrem Elektromobil von Haus zu Haus. „Zehn Briefkästen kann ich mir im Rückblick immer gut merken. Wenn ich bei 200 Zeitungen am Ende eine übrig hätte, würde das sonst schwierig werden.“ Die meisten Adressen hat sie im Kopf. Nur bei Urlaubsvertretungen muss sie gelegentlich den Spickzettel zücken.

Schon schnurrt sie so schnell um die nächste Ecke, dass man ihr selbst mit dem Fahrrad kaum folgen kann. Camilla Bunten kennt in der Altstadt nach rund zweieinhalb Jahren jeden Winkel und jede Ecke, aber auch jedes Hindernis. „Jetzt kommt mein Lieblingshaus“, sagt sie doppeldeutig und kämpft sich zu einem Briefschlitz in Bodennähe durch. Oder der Briefkasten in einem Hinterhof, der nur über Stolperfallen zu erreichen ist.

Von ihren erlernten Beruf her ist Camilla Bunten eigentlich Biologie-Laborantin. Lange Zeit war sie dann im Immobiliengeschäft. Schließlich verschlugen sie persönliche Schicksalsschläge von Süddeutschland in die Wilstermarsch. „Ich habe alle möglichen Nebenjobs gemacht. Eben alles, was irgendwie Geld bringt“, erzählt sie. Dann habe sie sich auf eine Anzeige hin als Zustellerin beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag beworben. Das frühe Aufstehen macht ihr dabei nichts aus. „Ich kann jeder Arbeit etwas Positives abgewinnen. Und zu 99 Prozent macht es auch richtig Spaß.“

Knapp 140 Zeitungen gehören zu ihrer täglichen Standardtour. Nach höchstens zwei Stunden ist sie damit durch, hat alle Depots mit bereitliegenden Zeitungsstapeln abgeklappert und die Lektüre verteilt. Allzu viele Leser trifft sie dabei um diese Zeit natürlich noch nicht. „Einer wartet schon auf mich an der Haustür und merkt, wenn ich mal fünf Minuten später komme.“ Bei anderen gilt es Sonderwünsche zu erfüllen, wenn die Zeitung bitteschön an einer ganz bestimmten Stelle deponiert werden soll.

In dieser warmen Sommernacht hat das alles, abgesehen vom fehlenden Schlaf, eher Ausflugscharakter. Allerdings ist Camilla Bunten auch bei jedem Schietwetter unterwegs. Dann läuft ihr das Wasser aus den Ärmeln und sie kämpft damit, dass das Zeitungspapier auf dem kurzen Weg in die Briefkästen nicht nass wird. Klagen über ungünstige Arbeitszeiten oder die mitunter widrige Witterung kommen ihr aber dennoch nicht über die Lippen. Schon heizt sie mit ihrem Scooter wieder um die nächste Ecke. „Zwölf Stundenkilometer ist der schnell. Meiner schafft sogar 13“, schwärmt sie von einer Anschaffung, die ihr das Arbeitsleben ganz wesentlich erleichtert. Nur bei Kopfsteinpflaster wird es mitunter etwas rumpelig. Ansonsten können sich auch die meist noch schlafenden Leser freuen, dass sie von der Zustellung ihrer Frühstückslektüre nicht viel mitbekommen.

Gesellschaft auf den Straßen und Bürgersteigen bekommt Camilla Bunten nur an Jahrmarktstagen. Dann sind auch in aller Frühe noch Menschen in der Stadt unterwegs. Allerdings auch deren Hinterlassenschaften. Vor allem Glasscherben nerven die Austrägerin. Da hat sie sich auch schon mal einen Platten eingefangen. An diesem Morgen dauert die erste Begegnung mit einem Passanten recht lange – bis eine junge Frau auftaucht. „Die arbeitet bei Balzer“, weiß Camilla Bunten. Gelegentlich habe sie auf ihrem Scooter da auch schon mal Tramper auf dem Weg zum Bäcker mitgenommen.

Die letzte Zeitung liegt im Briefkasten. Camilla Bunten rollt nach Hause, frühstücken und Schlaf nachholen. „Ich habe auch super Arbeitskollegen, eine klasse Mannschaft“, sagt sie noch. Allzu oft bekommt sie die aber wohl nicht zusehen. Die sind nämlich auf den anderen Touren zu nächtlicher Stunde unterwegs.

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erstellt am 01.Aug.2016 | 05:08 Uhr

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