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Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 10:46 Uhr

Stadtkirche : Wächterin im Gotteshaus

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Renate Grüttner (74) sorgt für Ordnung und verrät Besuchern, was die Stadtkirche in Glückstadt einmalig macht. Gemeinde sucht weitere ehrenamtliche Helfer.

Renate Grüttner gerät ins Schwärmen, wenn sie über die Stadtkirche spricht. „Hier steht die Chorschranke“, zeigt sie auf ein für eine evangelische Kirche ungewöhnliches Tor. „Es wurde 1706 aus der Schlosskapelle aus- und hier eingebaut. Dahinter saß die Familie des dänischen Königs.“

Die 74-jährige Glückstädterin kennt sich aus. Sie ist eine „Kirchenwächterin“. Jeweils sonntags hat sie ehrenamtlich Dienst im für die Öffentlichkeit geöffneten Gotteshaus. Acht Kirchenwächter gibt es zurzeit, es werden mehr gebraucht, um die Öffnungszeiten für Besucher aufrechtzuerhalten. Dass ein Kirchenwächter wichtig ist, steht für Renate Grüttner fest. Zum einen, weil viele Besucher Fragen haben. Aber auch, weil es Gäste gibt, die die Form nicht einhalten. „Vor kurzem kam ein Vater mit seinen beiden Söhnen auf Inlineskatern herein.“ Sie bat sie, diese auszuziehen, die Besucher gingen wieder. Andere forderte sie auf, ihr Eis im Eingang erst einmal aufzuessen. Diese Gäste drohten, sich zu beschweren.

Die Freude an der Arbeit überwiegt. „Ich tue Gutes für andere, aber auch für mich.“ Sie sitze gerne in der Kirche, sagt sie zu ihrem Kirchwächter-Platz neben dem Eingang. „Hier kann ich mich entspannen, wenn wenig los ist. Der Raum ist einmalig.“ Es sei ein Raum, dem auch entsprechend Ehre gebühre.

So erlebte sie, dass bei einem Flohmarkt ein Mann hereinkam, seine großen Plastiktüten am Altar abstellte und in der historischen Bibel blätterte, die dort ausliegt. Seither ist der Altarraum mit einer Kordel abgesperrt. Trotzdem ist er gut einsehbar. „Ich sperre nur auf, wenn jemand echtes Interesse zeigt.“

2006 hat sie mit diesem Ehrenamt begonnen. Weil sie auch Stadtführerin ist, weiß sie viel über die Stadtkirche. „Aber eigentlich braucht man als Kirchenwächter nicht viel zu wissen“, sagt sie. „Es gibt kostenlose Flyer in mehreren Sprachen und ein Heftchen für zwei Euro.“ Dort würde alles Wissenswerte drin stehen. „Und man kann sich schnell Wissen aneignen.“ Spaß machen die Gespräche mit Besuchern. Manches Mal hat sie Leute getroffen, die sie aus ihrer Kindheit und Jugend kannte. Glückstädter, die hier getauft wurden oder geheiratet haben. „Es ist eine wunderschöne Kirche mit barocker Pracht“, erklärt sie, warum das Gotteshaus einzigartig ist und gern besucht wird. „Es ist die erste staatliche Kirche, die in Holstein gebaut wurde.“ Dies liege daran, dass die Dänen früh zum lutherischen Glauben übergetreten waren. Und als Stadtgründer Christian IV. die Kirche bauen ließ, gab es bis dahin nur Gotteshäuser, die vorher katholisch waren.

Schon als Kind hatte sie eine besondere Verbindung zu der Stadtkirche, die sie regelmäßig mit ihrer Großmutter besuchte. Und früh sang sie im Chor, geleitet von Gudrun Bestmann, einer späteren Professorin. Höhepunkt war 1959 der Sängerwettbewerb in Berlin. „Wir haben den ersten Platz gemacht.“ Sonnabends wurde geprobt, sonntags im Gottesdienst gesungen. „Ich war um die 20 Jahre alt, als Gudrun Bestmann aufhörte.“ Die Nachfolgerin konnte nicht ihre Begeisterung wecken, sie trat aus dem Chor aus und heiratete mit 23 Jahren. Da Renate Grüttner beruflich sehr engagiert war, hörte sie auf, in die Kirche zu gehen – bis auf besondere Feiertage.

Erst das Amt der Kirchenwächterin löste wieder die Verbundenheit zur Kirche aus. Die Zusammenarbeit mit ihren ehrenamtlichen Kollegen ist gut, sagt Renate Grüttner. Alle haben feste Termine, tauschen aber auch mal den Dienst, wenn einer keine Zeit hat. Und sie geht auch außerhalb ihres Dienstes dort hin. Ihr schönstes Erlebnis in jüngster Zeit war jetzt das Verdi-Konzert. „Einzigartig, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Ein Wahnsinnserlebnis. Wunderschön.“ Und was sie als Kirchenwächterin faszinierte: Einige Musiker saßen sogar auf der Empore hinter der Kanzel. Sie war früher nur von außen begehbar, deshalb hatte sie dort noch nie jemanden sitzen sehen.

Und auch wenn sie als Stadtführerin unterwegs ist, führt sie die Besucher gerne in die Stadtkirche. Dann erzählt sie: „Drei Könige haben an der Kirche mitgewirkt. Christian IV., der sie baute, Friedrich III., der den Seitenflügel anbauen ließ, und Christian V., der den Altar stiftete.


> Wer Interesse hat, Kirchenwächter zu werden, kann sich im Kirchenbüro unter 04124/2009 melden.

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erstellt am 07.Jul.2016 | 17:00 Uhr

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