zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 11:20 Uhr

Von leeren Gestalten, Meerwürsten und Irrwegen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Frühjahrslesung mit den drei Stipendiaten im Wewelsflether Döblin-Haus

Die Enge des Raumes in der Küche des Alfred-Döblin-Hauses strahlt Gemütlichkeit aus. Ein Grund für die Menschen, in großer Zahl zur Autorenlesung in das ehemalige Wohnhaus von Günter Grass in der Wewelsflether Dorfstraße und die frühere Kirchspielvogtei zu kommen. Bei Wein und Selter, Kuchen und Salzgebäck lauschten über 50 Zuhörer den Lesungen der drei jetzt in Wewelsfleth arbeitenden Autoren: Julia Wolf, Najet Adouani aus Tunesien und des gebürtigen Israelis Ron Segal.

Die drei Schriftsteller, die mithilfe eines Stipendiums der Berliner Akademie der Künste drei Monate lang in Wewelsfleth leben und arbeiten, wurden von Carola Jansen im Einzelnen vorgestellt. „Unsere Stipendiaten genießen die Ruhe und Abgeschiedenheit dieses Hauses ebenso wie die Natur an Stör und Elbe“, erklärt Désirée Tiedemann. Als Mitarbeiterin der Akademie betreut sie ganzjährig das Döblin-Haus und kümmert sich um das Wohl der wechselnden Autoren.

Zum Jahresprogramm des Döblin-Hauses gehören zwei Lesungen. Die Frühjahrslesung konnte aus terminlichen Gründen erst jetzt angeboten werden und zum Jahresausklang folgt die Herbstlesung. „Die Resonanz ist groß“, zeigt sich Désirée Tiedemann zufrieden. Ein Rekordbesuch von 63 Gästen sei ungebrochen. Diesmal war unter den mehr als 50 Zuhörern sogar eine Besucherin aus Wien angereist.

Carola Jansen war begeistert. „Das nenne ich wahre Treue“, stellte sie angesichts der großen Besucherschar fest. Die Lesungen seien alternativlos, was man vom Sommer dieses Jahres nicht sagen könne. „Der ist herzlos!“ Umso mehr zollte sie ihren Dank den Zuhörern, die trotz des widrigen Wetters den Weg zu dieser Lesung gefunden hätten.

Sie wurde von Julia Wolf eröffnet. Die 1980 in Groß-Gerau geborene Autorin schreibt für Radio, Theater und Film. Ihr aktueller neuer Roman „Walter Nowak bleibt liegen“ wurde beim Ingeburg-Bachmann-Preis in Klagenfurt erstmals vorgestellt und wird 2017 erscheinen. Im Döblin-Haus stellte sie ihren Debütroman „Alles ist jetzt“ vor, dessen Protagonistin Ingrid „Rauchen, Sex und Kaffee“ in den Mittelpunkt ihres Lebens stellt. Die Autorin beschreibt das Faszinierende an einer solch leeren Gestalt.

Die tunesische Dichterin, Schriftstellerin und Journalistin Najet Adouani ist eine kritische Autorin, die sich für Freiheit, Frieden und die Rechte von Frauen einsetzt. Ihre journalistische Arbeit brachte sie immer wieder in Schwierigkeiten und führte dazu, dass sie auf die „Schwarze Liste“ gesetzt wurde. Auch nach der tunesischen Revolution kämpfte sie weiter für Meinungsfreiheit und die Rechte von Frauen. Sie wurde wiederholt bedroht und gezwungen, ihre Arbeit für das Radio einzustellen. Im Oktober 2012 floh sie deshalb ins Exil nach Deutschland. Najet Adouani veröffentlichte sechs Lyrikbände und eine Sammlung von Kurzgeschichten.

In Wewelsfleth las sie auf Arabisch aus ihrem Gedichtband „Meerwürste“, während Julia Wolf anschließend die deutsche Fassung rezitierte. Ihre Gedichte setzen sich auf sehr persönliche Weise mit Trauer, Verlust und Gewalterfahrungen auseinander.

Ron Segal hat die Schrecken des NS-Regimes nicht miterlebt. In seinem Roman „Jeder Tag wie heute“ sucht er nach einem Weg, die Erinnerungen zu vergegenwärtigen. Was bleibt am Ende eines Lebens? Treibgut, Erinnerungen, Mosaiksteinchen, die sich immer schwerer zu einem Gesamtbild fügen lassen – vor allem, wenn Alzheimer das Gedächtnis förmlich auszuhöhlen droht.

Bislang konnte der neunzigjährige israelische Autor Adam Schumacher, der Held aus Ron Segals Debütroman, noch gegen das Vergessen anschreiben und die Verbrechen des Faschismus aufzeichnen. Als der Holocaustüberlebende jedoch für ein deutsches Literaturmagazin noch einmal in das Land der Täter zurückkehren muss, um seine Geschichte erneut aufzuschreiben, ergeben sich mehr und mehr Lücken und Irrwege. Ron Segal erzählt vom allmählichen Verdämmern dessen, was die Verfolgten der Nazis als kulturelles Erbe noch bis in die jüngste Zeit hinein den nachfolgenden Generationen hinterlassen konnten. Segal zeigt sich in seinem Roman als klassisch-jüdischer Denker mit Ironie und Geist.

zur Startseite

von
erstellt am 23.Aug.2016 | 12:22 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen