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Norddeutsche Rundschau

09. Dezember 2016 | 10:50 Uhr

Reportertausch : Vom Glück in Itzehoe

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Bei einem Rundgang durch die Innenstadt erlebt unser Autor aus dem Rheinland, warum Berndt Doege seine Heimatstadt so sehr schätzt.

Als die Möwen kreischen, weiß Berndt Doege: Draußen auf See ist Sturm. Er steht auf dem Platz vor dem Theater, sagt, dieser Bau habe ihm so viele graue Haare gebracht damals, als er Bauausschussvorsitzender war. Heute wollen seine Nachfolger den Platz davor umbauen lassen, und wenn man als Zugereister gut hinschaut, sich nicht von den Möwen ablenken lässt, dann hält man das für keine schlechte Idee. Die Schönheit dieses Fleckchens Itzehoe, wo einst die Zuckerfabrik stand, ist verblasst. Und dann antwortet Berndt Doege genau an dieser im November unwirtlichen Stelle auf die Frage, ob die Deutsche Post richtig liegt mit ihrer Behauptung, die Menschen in Schleswig-Holstein seien die glücklichsten in Deutschland: „Jo.“ Schweigen. Später sagt er: „Ich hab’ rechts und links dat Meer, ich kann einkaufen und spazieren, hab’ nette Leute – wat will ich denn mehr?“

Berndt Doege (71) schnackt in den Ohren eines Rheinländers herrlich Platt, er hat fast sein ganzes Leben in Itzehoe verbracht. Man merkt schnell, dass er hart wie ein Kantholz sein kann. Vielleicht auch ein Sturkopf, er hat einen sehr trotzigen, manchmal bissigen Humor. Aber eben auch wunderbar herzlich. Auf dem Rundgang durch die Stadt grüßt er viele mit einem lang gezogenen „Mooiiiin“. Die Uhrzeit spielt für diesen Gruß keine Rolle. Er zeigt das alte Rathaus mit dem Standesamt, erzählt vom Stadtbrand 1657, von dänischer Besatzung und schwedischen Angriffen. Er schimpft, dass man doch im Keller des Rathauses, wo das Archiv ist, einen anständigen Ratskeller unterbringen könnte. Er erklärt die Störschleife und warum es sie seit der Sanierung der Neustadt nur noch nachempfunden durch einen Grüngürtel gibt – und dass viele Itzehoer das fließende Wasser in der City gerne zurückhätten.

Es ist die Kernidee einer Initiative, die ihre Stadt attraktiver machen möchte. Auf der Webseite heißt es etwas pathetisch: den Menschen die Liebe zu ihrer Stadt wiedergeben. Aber fehlt die denn? In Mönchengladbach, meiner Heimat, ist das sehr ähnlich: Der namensgebende Gladbach ist ein Tümpel im unterirdischen Kanal, aber man will ihn wieder heben. Eine Kernidee eines so genannten Masterplans, der vor wenigen Jahren aus der Bürgerschaft heraus entstanden ist und heute bindend für alle neuen Planungen ist. Der Unterschied zwischen Gladbach und Stör ist: Es hat dort nie eine Sturmflut gegeben.

Es geht weiter durch die schmucke Innenstadt, die an niederländische Fußgängerzonen erinnert. Es gibt einige Leerstände, aber auch sehr schicke Juweliere. Vorbei am Holstein-Center, das seine besten Jahre vermutlich schon gesehen hat. Hinein in den Prinzeßhof-Park, ein Prunkstück. Weiter zum Kloster mit dem wunderbaren Klosterhof. Doege erzählt viel über die Geschichte, über Adelige, wer wann wo mit wem und warum. Vom Teich aus sieht man direkt auf schmucke Fachwerkhäuser, die im Schatten von Plattenbau-Hochhäusern liegen. Und so geht es mir an einigen Stellen: Man atmet die Atmosphäre vieler Jahrhunderte und sieht Missglücktes vergangener Jahrzehnte. Aber es sind die vielen kleinen Ecken wie etwa die frühere Maschinenfabrik Carl Krüger, die zu Wohn- und Büroräumen umgebaut ist, die Eindruck hinterlassen. Doege erzählt, wie die Menschen in der Nachbarschaft Geld gesammelt haben, um eine Bank für den Vorplatz zu bezahlen. Und mir kommt der Gedanke: Vielleicht ist Glück genau das, was man daraus macht. In Itzehoe macht man. Doege sagt: „Ja, wir sind hier zufrieden. Der Süden ist zwar wärmer, aber hier ist die Luft sauberer.“ Und lacht herzlich.


>Information: www.reportertausch.de

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erstellt am 09.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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