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Norddeutsche Rundschau

27. Juli 2016 | 21:11 Uhr

Reaktivierung der Bahnverbindung : Viele Fragen noch offen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Podiumsdiskussion mit den verkehrspolitischen Sprechern der Landtagsfraktionen in Kellinghusen. Über 200 Besucher im überfüllten Bürgerhaus.

Ein Bahnanschluss für Kellinghusen  ? Die Podiumsdiskussion mit den verkehrspolitischen Sprechern der Landtagsfraktionen sollte endlich mehr Klarheit bringen - doch am Ende gab es mehr offene Fragen als Antworten. „Es ist herausgekommen, dass wir noch einmal in die Analysephase einsteigen müssen“, sagte Bürgermeister Axel Pietsch als Fazit. Es sollte sich jedoch schnell zusammengesetzt werden, denn man dürfe die Bürger vor Ort nicht so lange warten lassen, drängte er.

Wieviele Nutzer hat eine Bahn ab Kellinghusen? Kann das technische Gutachten über die Trasse so umgesetzt werden oder muss nachgearbeitet werden? Steht überhaupt eine Mehrheit der Bevölkerung hinter den Plänen, die von der Politik einstimmig befürwortet werden? Auf diese Fragen erhielten die Podiumsteilnehmer und die über 200 Besucher der Veranstaltung im überfüllten Bürgerhaus nicht immer ausreichende Antworten. „Ich verlasse Kellinghusen mit mehr Fragen als zu dem Zeitpunkt, wo ich hierher gekommen bin“, betonte Andreas Tietze (Die Grünen). Irritierend für ihn, aber auch für andere Landespolitiker: Unter den Besucher waren auch zahlreiche Gegner der Trassenverlängerung von Wrist nach Kellinghusen. In Kiel sei jedoch der Eindruck entstanden, in der Störstadt seien fast alle für das Projekt. „Eine immense Zustimmung nehme ich nicht mit nach Kiel“, betonte Kai Vogel (SPD).

Ohne wenn und aber stellten sich nur Heiner Rickers (CDU) und Oliver Kumbartzky (FDP) hinter die Pläne. „Der Bahnanschluss ist eine Jahrhundert-Chance für Kellinghusen“, betonte Rickers. Wenn das Projekt jetzt nicht angegangen werde, sei es für die Zukunft verloren. Bereits 2012 habe die Landesregierung gesagt, alles sei bezahlbar, aber warum sei bis heute nichts passiert? fragte er. Auch der Liberale Oliver Kumbartzky bemängelte den schleppenden Fortgang und forderte die Landesregierung auf, „das Signal auf Grün“ zu setzen. Der Anschluss sei eine Riesenchance für Kellinghusen und für das Umland, um sich in der Metropolregion Hamburg besser aufzustellen.

Die Piraten, ebenso wie CDU und FDP in Kiel in der Opposition, sehen sich bei der Entscheidung an der Seite der Bürger. „Wenn das Projekt machbar und finanzierbar ist und die Bürger es wollen, unterstützen wir es“, sagte Patrick Breyer. Um die Meinung der Einwohner zu erfragen, konnte er sich auch einen Bürgerentscheid vorstellen.

Grundsätzlich für einen Anschluss votierten auch die Fraktionsmitglieder der Regierungskoalition SPD, Grüne SSW – allerdings nur bei positiver Beantwortung noch offener Fragen und vor allem unter dem Vorbehalt der Finanzierung. Und hier hakt es noch gewaltig. Bezahlt werden sollen Trasse (6,4 Millionen Euro) und jährliche Unterhaltung (350  000 Euro minus 150  000 Einnahmen aus Fahrkarten) aus Regionalisierungsmittel, die der Bund den Ländern für den Schienenverkehr zur Verfügung stellt. Und diese sind laut Tietze zur Zeit nicht auskömmlich, deshalb hoffen die Länder auf eine Steigerung von 7,9 auf 8,5 Milliarden Euro. „ Wenn genügend Mittel zur Verfügung stehen, dann steht nichts mehr gegen die Strecke“, betonte Kai Vogel. Wenn nicht, könnten nur bestehende Strecken erhalten werden. Gleichzeitig erklärte er aber auch, dass es viele weitere Projekte im Land gebe, die auf Zuschüsse hofften. „Wir müssen sehen, wo die Bedarfe am dringlichsten sind.“

Seine Steinburger Fraktionskollegin Birgit Herdejürgen will vor einer Entscheidung alle offenen Fragen „sauber abarbeiten“, sieht einen Bahnanschluss aber grundsätzlich als positives Signal für Kellinghusen. „Wir wollen die Stadt als attraktiven Ort in der Metropolregion Hamburg erhalten.“ Auch für den Landtagsabgeordneten Bernd Voss (Die Grünen) ist ein Anschluss ein wichtiger Baustein, um die Stadt zu beleben. Er könne aber nur der erste Schritt sein, als weiterer müsse dann eine Fortführung der Trasse über Brokstedt nach Neumünster erfolgen.

Offen für alles zeigte sich der SSW-Vertreter Lars Harms – auch für eine Variante eines Halts in Wrist statt in Kellinghusen. Dort möchte die Gemeinde am Gleis 4 einen neuen Bahnsteig haben, gleichzeitig könnten dann am so genannten Gleisdreieck Stellplätze für Pendler-Pkw und ein Buswendeplatz entstehen.

Ob die Trassenverlängerung notwendig ist oder nicht – in der Diskussion mit den Politikern gingen die Meinungen der Besucher auseinander. Vertreter des Kaufmännischen Vereins, die die Stadt bei der Ausrichtung der Podiumsdiskussion unterstützten, wiesen auf eine deutliche Attraktivitätssteigerung der Stadt hin, eine Trasse würde neue Bürger und Betriebe nach sich ziehen. „Der Bahnhof wäre eine Wirtschaftsförderung für die gesamte Region“, betonte Geschäftsmann Martin Dethlefsen, der für die Bürgerliste Steinburg im Kreistag sitzt. Auch Uwe Siehl (Bürgerforum) sprach von einer großen wirtschaftlichen Bedeutung. Für Cedric Brinkhaus (Junge Union) würde ein Bahnanschluss die jungen Leute in Kellinghusen halten.

Timo Laackmann, Vorsitzender des Kaufmännischen Vereins, forderte die Landespolitiker auf, jetzt etwas zu tun, „damit wir morgen noch gut aufgestellt sind“. Und an die Gegner der Trasse gewandt: Es gehe hier nicht um Befindlichkeiten von einigen wenigen mit ihren Grundstücken an der Bahn, „sondern um die ganze Region“.

Die Gegner, so unter anderem Helmut Mittelmann, Sprecher der Interessengemeinschaft „Keine Reaktivierung der Bahnstrecke Wrist-Kellinghusen“, wiesen unter anderem auf bestehende Gutachten hin, die aber fehlerhaft seien, auf die Hochwassergefahr, den geringen Kosten-Nutzeneffekt und auf das Risiko mit vier zusätzlichen Bahnübergängen. Gar als „Steuerverschwendung“ bezeichnete die ehemalige SPD-Ratsfrau Bärbel Juister das Projekt. Und für Hans-Jürgen Wendtland wäre es vernünftiger, Mitglied im Hamburger Verkehrsverbund (HVV) zu werden, als in eine Bahnstrecke zu investieren. „Hier werden Gelder verschwendet, die wir in Wrist besser einsetzen könnten“, sagte Michael Lorenz, Gemeindevertreter aus dem Nachbardorf und spielte damit auf den Plan der Gemeinde an, zusätzliche Parkplätze und einen Buswendeplatz schaffen zu wollen.

Trotz der unterschiedlichen Meinung während der Veranstaltung, die der Kellinghusener Peter König immer gut im Griff hatte: „Ich sehe weiter eine große Chance für Kellinghusen und für die gesamte Region“, betonte Bürgermeister Axel Pietsch.

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erstellt am 16.Jan.2015 | 17:34 Uhr

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