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Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 09:18 Uhr

Breitenburg : Verkehrslärm statt Vogelgezwitscher

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Seit dem Lückenschluss der A23 ist es rund 150 Breitenburgern zu laut in Haus und Garten – die Anlieger fordern ein Tempolimit

Der 8. Juli 2016: Eine Frau sitzt in Breitenburg in ihrem neu errichteten Wintergarten und weint bitterlich. Es ist der Tag, an dem das 7,5 Kilometer langen Teilstück der Autobahn 23 zwischen Itzehoe-Süd und Itzehoe-Nord für den Verkehr freigegeben wurde. Der Tag, an dem das Leben für rund 150 Breitenburger lauter wurde. Sie leben im Heideweg, Tempelweg, Waldweg, Kremper Weg und im Mühlenhof, ihre Grundstücke liegen in unmittelbarer Nähe zu dem neuen Autobahnstück.

So wie das von Sabine und Jörg Höper. Als das Ehepaar im Juli aus dem Urlaub zurückkehrte, war es mit der Entspannung vorbei. Die Zwei trauten ihren Ohren nicht. In ihrem großen Garten mit Ruheoasen wie der Hängematte, Sonnenliege und Strandkorb ist statt Vogelgezwitscher und Blätterrauschen nun vor allem Autolärm zu hören. „Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass es hier so laut wird“, sagt Sabine Höper frustriert. „Da wurden wir in unserer Lebensqualität beschnitten.“ Mit Beendigung des Projekts „Lückenschluss Itzehoe“ nach rund zehn Jahren Bauzeit, bei dem die bisher dreispurige Bundesstraße 5 zur vierspurigen Autobahn ausgebaut wurde, gibt es auf dem Straßenabschnitt auch kein Tempolimit mehr. Die Konsequenz: Die Autos fahren schneller, der Straßenlärm nimmt zu – und die Anlieger sind wütend. Denn die Erhöhung der Lärmschutzwand von drei auf fünf Meter würde nicht viel bringen, kritisiert Hartwig Jeannot aus dem Kremper Weg. „Zu den Hauptberufszeiten und am Wochenende wird ein extremer Schallpegel erreicht. Der Aufenthalt im Garten und auf der Terrasse wird dadurch beeinträchtigt“, macht der 69-Jährige seinem Ärger Luft. Karin Höper (71) lebt seit 40 Jahren im Waldweg. „Ich fühlte mich nie gestört. Aber jetzt mag man mit dem Besuch ja nicht mal mehr auf die Terrasse gehen. Und wegziehen geht auch nicht: Wer will schon unsere Häuser kaufen, wenn es hier so laut ist?“

Sie und Hartwig Jeannot wollen das nicht hinnehmen. „Es muss etwas geschehen!“, so Jeannot. Mit einer Unterschriftenaktion wollen die Breitenburger ein Zeichen setzen. Ihre Forderung: „Eine Geschwindigkeitsbegrenzung zwischen der Anschlussstelle Itzehoe Süd und dem Ende der Lärmschutzwand in Wellenkamp auf Tempo 100.“ Die Liste mit rund 150 Unterschriften hat Bürgermeister Ingo Köhne an das Amt übergeben, der das Dokument an die zuständige Behörde weiterleiten möchte.

Die Beschwerde würde bei Burkhard Kötter, stellvertretender Leiter der Niederlassung Itzehoe des Landesbetriebs Straßenbau und Verkehr (LBV), und seinen Kollegen auf dem Tisch landen. Die Landesbehörde hat als Straßenbauverwaltung die Maßnahme des Bundes umgesetzt. Kötter kann den Anwohnern aber nicht viel Hoffnung machen. Zunächst würde geprüft werden, ob das im Planfeststellungsverfahren angesetzte Verkehrsaufkommen dem entspricht, was aktuell tatsächlich an Verkehr da ist, informiert Kötter. Das Verkehrsaufkommen ist eine wesentliche Grundlage der Lärmberechnung. „Bei einer großen Abweichung gibt es eine neue Berechnung.“

Jeannot hält den Berechnungen tatsächlich gemessene Werte entgegen. Seine App auf dem Handy ist zwar nicht repräsentativ, zeige aber, dass es deutlich lauter sei als erlaubt. „Im Mittel messe ich auf meiner Terrasse sechzig Dezibel, in der Spitze sogar siebzig Dezibel.“ Laut Berechnung wurde der Wert für sein Haus aber nicht überschritten, wie Kötter mitteilt: „Wir haben draußen einen Wert von 57 Dezibel berechnet.“ Das entspricht der Lautstärke einer normalen Unterhaltung und liegt knapp unter dem Grenzwert.

Schon auf der aktuellen Grundlage werden allerdings die Lärmrichtwerte für ein reines Wohngebiet am Tag von 59 Dezibel (A) an „einigen Gebäuden “ und von 49 Dezibel in der Nacht an „mehreren Häusern “ überschritten, so Kötter. Das rechtfertige aber noch kein Tempolimit. „Wären die Überschreitungen deutlich höher, würde man über verschiedene Maßnahmen nachdenken, wie der Erhöhung der Lärmschutzwand. Man muss es gut begründen, warum die Geschwindigkeit heruntergesetzt werden soll. Und diese Gründe haben wir nicht gesehen. Wir wollen das Tempo auf der Autobahn nicht beschränken. Ein Tempolimit ist im Planfeststellungsbeschluss auch nicht vorgesehen. Die Autobahn gewährleistet einen Reisekomfort, eine Geschwindigkeitsreduzierung würde die Reisezeit verlängern.“

Stattdessen ist man in Sachen Schallschutz aktiv geworden. „Die Lärmschutzwand noch höher zu bauen, macht keinen Sinn. Deshalb wurde und wird bei allen Gebäuden oberhalb des berechneten Grenzwertes geprüft, wie man am Haus den Lärmschutz verbessern kann.“ Das sind Maßnahmen wie neue Fenster oder Schalldämmlüfter. „Das würde der Bund zahlen. Die Anwohner können sich Angebote einholen lassen, und wir zahlen das günstigste.“ Mit der Stille im Garten ist es aber vorbei. Eine einmalige Entschädigungszahlung für einen verlärmten Außenwohnbereich wäre für die betroffenen Anlieger nur ein schwacher Trost.

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erstellt am 11.Sep.2016 | 16:02 Uhr

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