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Norddeutsche Rundschau

30. August 2016 | 12:52 Uhr

Heimatgeschichte : Umzugskartons als Schatzkisten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Es ist der vierte Umzug innerhalb weniger Jahre: Diesmal muss das Stadtarchiv das Neue Rathaus räumen. Archivar Christian Boldt trägt es aber mit Fassung.

Wahllos greift Christian Boldt in eine der schon gepackten Umzugskisten. In der Hand hält er ein Klageregister aus dem 17. Jahrhundert. Hier wurde penibel fest gehalten, wie sich zwei örtliche Organisten in die Haare bekommen hatten. Sie warfen sich gegenseitig vor, falsch zu spielen. Dass solche Schätze aus der Stadtgeschichte überhaupt noch am Ort ihres Geschehens zu finden sind, ist für den Historiker Herausforderung und Chance zugleich. Erst einmal gehen die Berge von jahrhundertealten Unterlagen aber wieder einmal auf Wanderschaft. Christian Boldt, neben seinem Hauptberuf als Leiter des Glückstädter Detlefsen-Museums mit sechseinhalb Wochenstunden archivarischer Mini-Jobber in Wilster, musste seine Räume im zweiten Stock des Neuen Rathauses räumen. Auch im ehemaligen Hausmeisterhaus am Schulzentrum zwischengelagerte Bestände mussten raus. Hier zieht demnächst das Jugendzentrum ein. Als Provisorium hat die Stadt jetzt erst einmal einen 40 Quadratmeter großen Lager- und Arbeitsraum privat angemietet. „Auch mein Vorgänger musste ja schon mehrere Male umziehen“, trägt Christian Boldt es mit Fassung.

Für das gedruckte oder handgeschriebene Kulturgut soll es nur eine Zwischenstation sein. Boldt ist zuversichtlich, dass das Stadtarchiv in den nächsten zwei bis drei Jahren eine dann endgültige Bleibe finden kann. Auch Fördergelder stünden zur Verfügung, sieht er eine große Chance zur besseren Präsentation der Papier gewordenen Geschichte. Dann, nennt er ein Beispiel, könne man auch die Wilsteraner Hexenprozesse grundlegend auswerten. „Das ist ganz tolles Material. Das muss einfach veröffentlicht werden.“

Über mangelndes Interesse am Wilsteraner Archivgut kann Christian Boldt auch so nicht klagen. Mal gibt es Anfragen von Nachkommen zu ihrer Familiengeschichte, mal werden alte Karten mit dem Verlauf von Wettern gesucht. Ein anderer stellt Nachforschungen über den Tod eines Menschen im Stadtpark an. Oder es werden Informationen zur Erstellung der Landrechter Chronik oder für ein Feuerwehrjubiläum gesucht. Die Kunst besteht darin, die gesuchten Antworten zu finden. „Die letzte Inventarisierung liegt 40 Jahre zurück“, sagt Boldt. Sein erklärtes Ziel: Die Erstellung eines Fundbuchs mit digitalen Suchfunktionen. „Archivare denken in Jahrhunderten“, weiß er, was er sich da vorgenommen hat. „Man muss eben einfach mal anfangen.“ Langweilig, so versichert er, werde es jedenfalls nicht. Christian Boldt taucht jetzt seit fast vier Jahren immer tiefer in die Geschichte der Stadt ein. Zu seinen Schätzen gehört natürlich auch die wertvolle Bibliothek von Charlotte Doos, die im Alten Rathaus längst ein repräsentatives Domizil gefunden hat. Rund 10  000 Bücher hatte die Wohltäterin im 19. Jahrhundert der Stadt vermacht. Nach einer früheren gründlichen Ausdünnung sind 2500 davon noch vorhanden. „Da sind richtige Schätze darunter“, weiß Christian Boldt. Zum Beispiel die Weltchronik von Hartmann Schedel aus dem Jahre 1493. In Top-Zustand werde so ein Werk schon mal mit 100  000 Euro gehandelt. „Hier fehlen leider ein paar Seiten“, so Boldt. Überhaupt könne man feststellen, dass Familie Doos ihrer Bücherwände nicht nur zur Schau gestellt, sondern auch viel gelesen hat. Wenn einzelne Bücher heute in keinem sehr guten Zustand mehr sind, ist das aber wohl eher auf spätere Nutzer oder auf den Zahn der Zeit zurückzuführen. Dennoch gilt die Bibliothek in Wilster als herausragend im Norden. „Der Leiter der nordelbischen Kirchenbibliothek war jedenfalls sehr beeindruckt“, freut sich Boldt über positive Urteile aus der Fachwelt. „Krempe hat damals alles ans Landesarchiv nach Schleswig abgegeben“, kommt Christian Boldt auf das für den Norden ebenfalls ziemlich einmalige Wilsteraner Stadtarchiv zurück. Und darin findet man übrigens auch Vorgänge mit höchst aktuellem Bezug. Wie in einer Akte aus dem Jahr 1919, wo es um Beihilfen zur Errichtung von Notstandswohnungen ging.

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erstellt am 08.Jan.2016 | 16:48 Uhr

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