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Norddeutsche Rundschau

31. August 2016 | 18:02 Uhr

Kleiner Waffenschein : Trügerische Sicherheit im Holster

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Kreisverwaltung verzeichnet einen drastischen Anstieg von Anträgen für den Kleinen Waffenschein – aber der Besitz von Schreckschuss- und Reizstoffwaffen kann auch „nach hinten losgehen“.

Die Ursachen sind vielfältig und können nicht eindeutig belegt werden. Das Resultat ist umso deutlicher: Immer mehr Menschen im Kreis Steinburg beantragen den Kleinen Waffenschein. Das Papier berechtigt zum Tragen von Waffen mit einem bestimmten Prüfzeichen der Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB). Schreckschusswaffen, Gaspistolen und Signalrevolver fallen unter diese Kategorie.

Im Jahr 2014 beantragten 17 Personen beim Ordnungsamt des Kreises das Dokument, vergangenes Jahr waren es bereits 52 Antragsteller. Doch die Spitze ist noch lange nicht erreicht. „Im Januar sind bei uns schon 120 Anträge eingegangen“, berichtet Dieter Pape, Leiter des Kreisordnungsamtes. Über die Gründe kann auch er nur spekulieren. Einerseits gehe es einigen möglicherweise um die persönliche Sicherheit in den eigenen vier Wänden. Immer wieder sei von Einbruchsserien die Rede – Tendenz steigend. Aber auch die zunehmende Zahl von Flüchtlingen, die drei Landeseinrichtungen im Kreis Steinburg sowie die Übergriffe bei Silvesterfeiern in Köln, Hamburg und anderen Großstädten spielten sicherlich eine Rolle, vermutet Pape. Die Antragsteller sind dabei keineswegs immer nur Männer. „Es gibt ganze Familien, die den Kleinen Waffenschein haben möchten.“

Allerdings ist das Dokument noch lange kein Freifahrtschein. Mit dem Antrag werden zahlreiche Voraussetzungen – wie gesundheitliche Einschränkungen, Vorkenntnisse, Gründe für das Mitführen der Waffe und polizeiliche Bedenken, der so genannte Zuverlässigkeitstest – abgefragt. Und auch dann gilt: Der Schein erlaubt das Führen einer erlaubnisfreien Waffe in „geladenem und zugriffsbereiten Zustand“. Das Schießen ist weiterhin verboten. Doch auch dabei gelten Ausnahmen: Notwehr oder akute Gefahr, beispielsweise bei Seenot, sind Fälle, in denen der Einsatz genehmigt ist. „Aber es muss jedem bewusst sein, der eine solche Waffe auf jemanden richtet, dass er diesen schwer oder im schlimmsten Fall sogar tödlich verletzen kann“, gibt Dieter Pape zu bedenken.

Ein Punkt, den auch Polizeisprecherin Merle Neufeld, hervorhebt. „Die Waffe vermittelt erst einmal nur ein subjektives Sicherheitsgefühl. Sie kann aber auch das Gegenteil bewirken.“ Wer eine Schreckschusspistole ziehe, könne dadurch eine ohnehin angespannte Situation erst eskalieren lassen, warnt Neufeld. Es bestehe aber auch die Möglichkeit, dass die Situation falsch eingeschätzt wird. „Dann ist man schnell im Bereich einer Körperverletzung oder sogar einer gefährlichen Körperverletzung.“ Viel wichtiger als die aktive Verteidigung sei es, wegzulaufen, auf sich aufmerksam zu machen und Passanten aufzufordern, einzugreifen. „Und man sollte sich besondere Merkmale und das Aussehen des vermeintlichen Angreifers einprägen“, rät Neufeld.

Es gibt aber auch Abwehrmittel, die frei erhältlich sind. Doch auch dabei müssen die Vorschriften beachtet werden. Das so genannte Pfeffer- oder CS-Gas-Spray darf beispielsweise eigentlich „nur zur Tierabwehr verwendet werden“, so die Polizeisprecherin. Es gibt aber auch weitere Waffen, deren tragen grundsätzlich verboten ist. Darunter fallen beispielsweise Messer mit fester Klinge (außer für Jäger und Angler bei Ausübung ihres Hobbys), Schlagstöcke und -ringe.

Zudem gilt für alle Waffen, egal ob legal oder verboten: Das Tragen bei Veranstaltungen ist grundsätzlich verboten. Der Erwerb und der Besitz sowie das Abfeuern auf dem eigenen Grundstück ist ohnehin ab 18 Jahren auch ohne Waffenschein erlaubt.

So einfach ist es aber zurzeit nicht, eine freiverkäufliche Waffe zu erwerben. Wie ein Händler aus Schleswig-Holstein berichtet , stieg auch in 2015 mit Beginn der dunklen Jahreszeit die „Nachfrage nach Mitteln zum persönlichen Schutz“. Spätestens seit Anfang dieses Jahres hingegen könne man eine eindeutige Steigerung in der Nachfrage nach Schreckschusswaffen erkennen. „Beweggrund für die Anschaffung scheint eine tiefsitzende Verunsicherung zu sein. Familienväter kaufen Schreckschusswaffen für den Schutz von Familie und Heim, Männer für ihre Frau oder Freundin“, sagt der Experte. Und er mahnt: „Ob jedoch eine Schreckschusswaffe das richtige Mittel für die Selbstverteidigung ist, sollte man sich vor dem Kauf einer solchen Waffe genau überlegen.“

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erstellt am 09.Feb.2016 | 05:16 Uhr

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