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Norddeutsche Rundschau

05. Dezember 2016 | 01:37 Uhr

Supergute Studie eines Autisten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Supergute Tage – das sind für den sonderbaren Christopher Boone jene, in denen er mehr als drei rote Autos in Reihe sieht. Dann kann er seine „Projekte“ starten, die ihm durch den Alltag helfen. Denn Christopher kann seine Gefühle nur auf verschlüsselte Weise äußern. Eine Straße kann er nicht entlang gehen, in einem komplizierten Rechtsabbiege-Verfahren gelangt er zum an sich sichtbaren Ziel. Seine Welt ist mathematisch eingerichtet, quadratisch bedeutet für ihn praktisch und gut.

Das signalisiert das Bühnenbild in der Inszenierung des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters sogleich. Das Bild fungiert aber auch als Wand: Wie ein Echo bündelt es die Alltagsgeräusche, die Christopher nicht unterscheiden kann und die sich in seinem Hirn zu einer ätzenden Kakophonie verdichten. Das Publikum im ausverkauften kleinen Saal im Theater Itzehoe (90 Prozent Jugendliche! Toll!) nimmt an diesem gewollt unmusikalischen Stimmengewirr teil, die Inszenierung (Franziska-Theresa Schütz) provoziert dieses Hände-vor-die-Ohren halten wie bei Christopher. Deswegen kann das Publikum Christophers Reaktionen verstehen. Die Wand zwischen „normal“ und „sonderbar“ bröckelt. Bewusst werden – wie schon in Mark Haddons Romanvorlage – die medizinisch-psychologischen Fachbegriffe, die den Asperger-Autismus beschreiben, vermieden.

Dass das „supergut“ gelingt, ist vor allem das Verdienst von Flavio Kiener, der die Titelrolle als eine sinnvoll dosierte Autisten-Studie anlegt. Er berührt die Grenze des Komischen, nie aber des Lächerlichen. Seine fünf Kollegen in vielfältigen Rollen unterstützen ihn optimal.

Fazit: Dieser mit reichem Beifall belohnte Theaterabend kommt ohne Sentimentalitäten aus. Nichts wirkt deprimierend, weil über allem die Hoffnung auf eine sinnvolle Entwicklung dieser zugleich berührenden und eckigen Persönlichkeit des Christopher Boone sichtbar wird: „Ich schaffe das.“

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