zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 09:15 Uhr

Auslandsreise : „Sie haben mich ,Mama‘ genannt“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Annecke Hauschildt (20) aus Holstenniendorf arbeitete ein halbes Jahr lang als Freiwillige in Simbabwe in einem Waisenhaus.

Sie hat die Wäsche mit der Hand am Waschbrett gewaschen, kaputte Fahrräder mit dem Küchenmesser repariert und einem taubstummen Mädchen Mikado beigebracht. Vor allem auf Improvisationstalent und Einfallsreichtum kam es an, als Annecke Hauschildt (20) aus Holstenniendorf für ein halbes Jahr lang als Freiwillige in Simbabwe in einem Waisenhaus gearbeitet hat. „Nach meinem Abi an der Itzehoer Waldorfschule 2015 wollte ich nicht sofort mit meinem geplanten Medizinstudium beginnen. Ich wollte die Chance für einen Auslandsaufenthalt ergreifen, weil die so schnell nicht wieder kommt“, sagt sie.

Über Bekannte bekam sie Kontakt zum Verein „Lolas Kinder e.V.“ (www.lolas-kinder.de), der seit 2013 in Simbabwe (früher „Rhodesien“, nördlich von Südafrika) das Waisenhaus „Sunrise Children's Home“ (in Binga am Sambesi-Fluss im Distrikt Matabele) betreibt. „Meinen Aufenthalt habe ich selbst organisiert und finanziert“, erzählt Annecke Hauschildt.

Am 14. September nahm sie 24 Stunden Flug in Kauf, um schließlich von Victoria Falls fünf Stunden lang mit dem Auto über holprige Straßen nach Binga zu gelangen. Schon da war sie fasziniert von Landschaft und Menschen: „Überall waren Kühe und Ziegen auf der Straße, die Frauen trugen alles auf dem Kopf. Ich kam mir vor wie in einer anderen Welt.“

In dem abgeschiedenen Teil des Landes wird hauptsächlich Tonga gesprochen, einer von mehr als 70 Dialekten. „Aber wir haben uns auf Englisch verständigt“, so Annecke Hauschildt. Freundlich aufgenommen, betreute sie dort bei Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius täglich zehn Kinder im Alter von einem bis 15 Jahren: sechs Jungs und vier Mädchen, deren Eltern verstorben oder nicht in der Lage waren, sich um sie zu kümmern. „Die Kinder haben schreckliche Dinge erlebt: Missbrauch, Vergewaltigung und Gewalt, sie waren mit Alkohol und Drogen konfrontiert“, erzählt sie. „Viele sind traumatisiert und in ihrem Sozialverhalten auffällig, in ihrer geistigen Entwicklung zurück geblieben.“

Annecke Hauschildt hat zwei Schwestern des Ordens „Missionary Daughters of Calvary“ in ihrer Arbeit unterstützt und alles rund um den Haushalt erledigt. „Ich war die erste, die das gemacht hat. Es hat da vorher noch nie einen Freiwilligen gegeben. Aber es hat sich sehr schnell eingespielt.“ Ihr Tag begann um 5 Uhr, dann hat sie das einstöckige Haus in einer Größe von etwa 150 Quadratmetern mit zwei Schlafräumen sauber gemacht, die Kinder für die nur 50 Meter entfernt gelegene Schule versorgt und in den Kindergarten gebracht. Sie erntete im eigenen, 300 Quadratmeter großen Garten Gemüse und kümmerte sich um die etwa 100 Legehennen, deren Eier sie für ein kleines Einkommen verkauft haben.

Nachmittags betreute sie die Kinder bei den Hausaufgaben, hat mit ihnen gebastelt, Musik gemacht oder Fußball gespielt und ihnen das Fahrradfahren beigebracht. Am Wochenende ging es in den Sambesi zum Schwimmen. Stromausfälle waren an der Tagesordnung, auch fließendes Wasser gab es nicht immer. „Ferngesehen wurde nur abends – wenn Strom da war.“ Als Ritual hat sie jedes Kind einzeln ins Bett gebracht und Geschichten erzählt. Wenn nachts eines weinte, hat sie es getröstet. So wurde Annecke innerhalb kürzester Zeit zu einer Ersatzmutter für zehn Kinder. „Sie haben mich ,Mama' genannt.“ Obwohl sie überhaupt keinen freien Tag hatte, habe sie das nicht als anstrengend empfunden, „denn es hat mir viel Spaß gebracht. Man bekommt so viel von den Kindern zurück, was unbezahlbar ist.“

Kaum hatten sie sich an alles gewöhnt, da musste sie die Kinder schon wieder darauf vorbereiten, dass sie bald nicht mehr da sein würde. „Sie waren traurig und haben gefragt, wann ich wieder komme. Das hat mich sehr getroffen.“ Als sie das Land dann verlassen musste, haben alle geweint, die Kleinste schrie „Mama“. „Das hat mir das Herz zerrissen.“ Aber sie will noch in diesem Jahr wieder hinfahren, nachdem sie sich für ihr Studium der Medizin beworben hat. „Die Zeit war eine große Bereicherung für mich.“ Sie hat nun täglich Kontakt über Whats App mit ihnen.

In der Waldorfschule hat Annecke Hauschildt drei Präsentationen ihres Aufenthaltes mit Fotos vor jeweils 30 Schülern gehalten. „Ich würde das auch bei weiteren Gelegenheiten gerne vortragen“, sagt sie. Nun sucht sie einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin, die ihren Job im Waisenhaus in Binga so wie sie selbst nach der Schule fortsetzen würde (Kontakt per Email: anneckehauschildt@web.de).

Auch nachdem sie schon drei Monate lang wieder in Deutschland ist, bleibt ihr Fazit: „Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, das Richtige zu tun. Es war die glücklichste und schönste Zeit meines Lebens, und ich bin unendlich dankbar dafür.“


Karte
zur Startseite

von
erstellt am 10.Jul.2016 | 08:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen