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Norddeutsche Rundschau

31. Juli 2016 | 09:18 Uhr

Tierseuche : Schweinepest bedroht Landwirtschaft im Kreis Steinburg

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

In Osteuropa sind Fälle der Afrikanischen Schweinepest (ASP) bekannt geworden. Für den Menschen ist sie ungefährlich, für Tiere tödlich. Behörden in Itzehoe und im Kreis Steinburg bereiten sich auf eine mögliche Einschleppung vor.

Mit großer Sorge blicken Schweinehalter, Tierärzte und Jäger im Moment nach Osteuropa. Vor kurzem wurde eine gefährliche Tierseuche, die Afrikanische Schweinepest (ASP), in Lettland erstmals innerhalb der Europäischen Union bei drei Hausschweinen eines kleinen landwirtschaftlichen Betriebes festgestellt. Wie im gesamten Bundesgebiet bereiten sich auch die zuständigen Behörden im Kreis Steinburg auf eine mögliche Ankunft der hochansteckenden Seuche in Deutschland vor.

„Wir befinden uns in einer Phase der verschärften Überwachung“, erklärt der leitende Kreisveterinärdirektor Dr. Hans Treinies. „Bei der ASP ist es, wie bei anderen Tierseuchen, von großer Bedeutung, dass wir sehr frühzeitig von einem Ausbruch erfahren, damit wir einen verheerenden Flächenbrand verhindern können.“ Die Afrikanische Schweinepest stelle zwar keine Gefahr für die Bevölkerung dar, könne aber neben dem Tod vieler Tiere zu massiven wirtschaftlichen Problemen bei den etwa 150 schweinehaltenden Betrieben und dem fleischverarbeitenden Gewerbe im Kreis führen, so Treinies. „Ich befürchte, dass der Markt für Schweinefleisch bei einem Ausbruch der ASP in einem Nutztierbestand völlig zusammenbrechen würde. Das gilt es zu verhindern.“

Seit Jahren breitet sich die Afrikanische Schweinepest von Osten kommend zunehmend nach Westen aus. 2007 wurde die für Menschen ungefährliche, aber für Schweine tödliche Viruserkrankung (siehe Info-Kasten) vermutlich aus Afrika nach Georgien eingeschleppt und erreichte von dort Südrussland. Seitdem hat sich die Seuche auf natürlichem Weg über die Wildschweinpopulation und durch Transporte von erkrankten Tieren oder deren Fleisch in nordwestlicher Richtung ausgebreitet. Aus Russland, Weißrussland und der Ukraine wurden Fälle gemeldet. Anfang 2014 wurde das Virus bei Wildschweinen in Ostpolen und Litauen nachgewiesen und hat damit das Gebiet der Europäischen Union erreicht. Jetzt stellten Tierärzte in Lettland die ASP erstmals auch bei Hausschweinen fest.

Laut einer Risikobewertung des Friedrich-Löffler-Instituts (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Tierseuche in Deutschland eingeschleppt werden könnte. Die natürliche Verbreitung der Viruserkrankung über Wildschweine bereitet den Experten dabei weit weniger Sorgen als ein möglicher Eintrag von Menschenhand. Paul Becher, Direktor des Instituts für Virologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover: „Was die Wildschweine angeht, wird das Risiko als mäßig bis hoch eingeschätzt. Auf jeden Fall schreitet die Verbreitung relativ langsam voran und es würde noch viel Zeit vergehen, bis die ASP über Polen nach Deutschland gelangen würde.“ Die Vorwarnzeit für Behörden und Schweinehalter wäre dementsprechend ausreichend lang, um Schutzmaßnahmen wie erhöhte Hygienevorkehrungen oder eine Sicherung der Ställe gegen ein Eindringen von Wildtieren (Biosicherheit) vorzunehmen.

Als wesentlich gefährlicher wird die Möglichkeit eines plötzlichen Ausbruches eingeschätzt. „Tierseuchen bewegen sich in der heutigen Zeit leider mit der Geschwindigkeit von Auto, Schiff und Flugzeug“, erklärt Hans Treinies. „In Staaten wie Weißrussland gibt es relativ viele kleine Schweinehaltungen im Hinterhof, die kaum zu kontrollieren sind. Hausschlachtungen sind üblich. Aufgrund der unspezifischen Symptome der ASP und der Ungefährlichkeit für den Menschen kann es daher passieren, dass Lebensmittel wie Schinken oder Salami von erkrankten Schweinen in den Umlauf gelangen.“

Ist das Fleisch vor der Verarbeitung nicht erhitzt worden, sind die Nahrungsmittel auch nach Wochen für Schweine infektiös. Denkbar ist, dass Fernfahrer oder Erntehelfer aus Osteuropa, die aufgrund der für sie in Deutschland sehr hohen Lebensmittelpreise häufig viel haltbaren Proviant aus ihrer Heimat mit sich führen, belastete Wurst oder Schinken mitbringen und hier eventuell an Raststätten oder auf freiem Feld entsorgen. Als Allesfresser verschmähen heimische Wildschweine menschlichen Abfall nicht und könnten sich so mit der ASP infizieren.

Als weiteres mögliches Einfallstor für die Seuche haben die Experten Jagdreisen etwa nach Polen ausgemacht. Hier gilt es streng auf die Hygiene zu achten. Hans Treinies: „Wer mit Wildschweinen in Osteuropa Kontakt hatte, sollte alles gründlich reinigen und auf keinen Fall nicht erhitztes Fleisch oder Jagdtrophäen einführen.“

Um der Gefahr zu begegnen, setzen die Behörden auf Information und Überwachung. So wurden beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem Bauernverband Merkblätter in polnischer und rumänischer Sprache erstellt und auch an nicht direkt betroffene Betriebe wie Spargel- oder Erdbeererzeuger zur Weitergabe an Erntehelfer verteilt, um über die Risiken der unsachgemäßen Entsorgung von Lebensmitteln aufzuklären. Auch an Autobahnraststätten und Knotenpunkten wie der Elbfähre Glückstadt-Wischhafen gibt es mehrsprachige Hinweise.

Das Veterinäramt untersucht regelmäßig Proben von Schwarzwild, um ein mögliches Auftreten der ASP frühzeitig zu erkennen. Alle Jäger wurden gebeten, tot aufgefundene Wildschweine, bei denen die Todesursache nicht klar erkennbar ist, unverzüglich bei den Amtstierärzten zur Beprobung zu melden oder selbst Proben abzuliefern. „Wir arbeiten hier sehr gut mit Kreisjägermeister Matthias Sagebiel und der gesamten Jägerschaft zusammen“, sagt Amtsleiter Treinies. Weiterhin werden auch bei geschossenen oder bei Tieren, die durch Verkehrsunfälle umgekommen sind, Gewebeproben untersucht, wenn die Wildschweine Anzeichen einer Erkrankung aufweisen.

„Wir gehen davon aus, dass wir so frühzeitig das Vorkommen des Virus im Wildbestand erkennen und gegebenenfalls schnell reagieren können, um die landwirtschaftlichen Betriebe zu schützen“, erklärt Treinies. Für den Fall der Fälle sieht der Veterinär seine Behörde auch mit dem kürzlich eingeweihten Katastrophenschutzzentrum gut vorbereitet, um die Seuche unter Kontrolle zu halten: „Wir sind gewappnet und haben alle Beteiligten gründlich informiert. Nun müssen wir wachsam, aber ohne Hysterie abwarten.“


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