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Norddeutsche Rundschau

09. Dezember 2016 | 18:21 Uhr

Netzwerkarbeit : Schnelle Informationen auf die Hand

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Neue Netzwerkgruppe Autismus im Kreis Steinburg soll Betroffene und Angehörige unterstützen.

Luisa Reimer ist eigentlich eine ganz normale junge Frau - allerdings ist sie oft in sich gekehrt, geht träumerisch durchs Leben. Auch Freunde hat die 18-Jährige nicht, ist „mir zu stressig“, sagt sie. Denn ihr Leben muss in festen Bahnen verlaufen, kann nicht mit Veränderungen umgehen. Die 18-Jährige hat heute ihr Leben weitgehend im Griff. Dabei helfen ihr auch Timo Warnholz von der Beratungsstelle Autismus-Spektrum-Störung der Glückstädter Werkstätten und die neuen, regelmäßigen Netzwerktreffen, in dem sich Angehörige austauschen und informieren können.

Die Kindheit war für Luisa und ihren Eltern oft „eine harte Zeit“, sagt Mutter Britta. Denn die richtige Diagnose Autismus gab es erst mit elf Jahren, solange wurde Luisa mit falschen Medikamenten behandelt. „Das hat uns drei Küchenschränke gekostet“, erzählt sie von einem aggressiven Verhalten ihrer Tochter, das nach der Einnahme der Medikamente aufgetreten sei. Seit ihrem vierten Lebensjahr war Luisa zwar in Behandlung, doch statt der Diagnose Autismus wurden den Eltern Depressionen oder Aufmerksamkeitsdefizit (ADS) als Ursachen des Anderssein genannt. Und so seien auch Medikamente verabreicht worden, die nicht geholfen hätten, sagt Britta Reimer. „Sie passte nicht in den Kindergarten und musste später auch zur Förderschule gehen.“ Doch Britta Reimer ließ nicht locker, wollte wissen, was mit ihrer Tochter war. Schließlich hätten Psychologen auf Asperperger-Autismus erkannt. Da war Luisa schon elf Jahre alt. Mit der richtigen Diagnose wurde das Leben einfacher. Luisa fuhr mit ihren Eltern alle zwei Wochen zur Therapie nach Kiel, schaffte an der Gemeinschaftsschule ihren Hauptschulabschluss und arbeitet heute in den Glückstädter Werkstätten, wo sie sich auch sehr wohlfühlt. Mit der Diagnose konnten auch Fördermaßnahmen von Eingliederungshilfe bis zum Schulbegleiter in Anspruch werden.

Luisas Eltern mussten für sich allein kämpfen, alle Informationen und Angebote mühsam erfragen. „Das ist alles sehr schwierig gewesen“, sagt Britta Reimer rückblickend. „Wie uns ergeht es vielen Familien. Deshalb ist das Netzwerk Autismus eine tolle Möglichkeit, sich Informationen und Hilfen zu holen.“ Im Dwerwerk der Glückstädter Werkstätten in Itzehoe treffen sich Betroffene, Eltern und Experten, tauschen sich aus, gegen Informationen weiter. „Es hat einen Bedarf gegeben, weil es bei uns nichts Vergleichbares gibt“, sagt Timo Warnholz, der zusammen mit Joy Grodt, therapeutisch pädagogische Fachkraft für Autismus, die Idee zu den Treffen hatte. Für Betroffene „gibt es schnelle Informationen auf die Hand“.

Im Kreis Steinburg gebe es einige hundert Menschen mit Autismus, dagegen stünden wenig Fachkräfte und eine schwierige Diagnose, betont Joy Grodt Vielfach sei wie bei Luisa zuerst eine falsche Behandlung gewählt worden. Erst im Laufe der Schulzeit beginne der langsame Weg zur Diagnosefindung, weil sich Eltern und Lehrer die Verhaltensweisen der Kinder nicht erklären könnten. „Autistische Kinder lernen nicht durch Imitationen wie andere, sondern sie müssen sich einfaches soziales Verhalten mühsam aneignen.“ Luisa sei dafür ein Beispiel. Die 18-Jährige sei auf vielen Gebieten eine „Spezialistin“, sei aber völlig hilflos, wenn sie einmal Bus fahren müsse. Sie brauche gewohnte Abläufe, die Welt ums sie herum verändern, geht nicht“, sagt ihre Mutter.

Die Umwelt müsse sich deshalb auf diese Menschen einstellen, fordern die Autismus-Experten. Die Betroffenen müssten individuell unterstützt werden, auch besonders in der Schule. Hier sieht Joy Grodt noch Nachholbedarf, denn durch den Wegfall der Förderschulen würden Kinder mit Autismus in eine Regelschule integriert, ohne das oft auf ihre besonderen Bedürfnisse eingegangen werden könne. Die Folge: Die Kinder blieben zurück, Leben und Schulzeit würden für sie zur Hölle. Schulbegleiter allein reichten nicht aus, geschultes Personal müsste die Lehrer bei ihrer Arbeit unterstützen“, so Joy Grodt.


>Nähere Infos zum Netzwerktreffen und zur Beratungsstelle Autismus unter 04821/4080513.

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erstellt am 31.Aug.2016 | 12:36 Uhr

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