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Norddeutsche Rundschau

06. Dezember 2016 | 17:10 Uhr

Justiz : Schießerei: Jeder sieht sich als Opfer

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Prozess wegen bewaffneter Auseinandersetzung in der De-Vos-Straße in Itzehoe fortgesetzt: Zeuge belastet Angeklagten schwer.

Wer war der Angreifer? Wer verteidigte sich in Todesangst? Diese Frage muss die 5. Strafkammer des Landgerichts Itzehoe im Prozess wegen der Schießerei am 13. Juni in Wellenkamp klären. Am zweiten Verhandlungstag zeigte sich, dass noch ein großes Stück Arbeit vor den Richtern und Schöffen liegt.

Relativ unstrittig sind bisher folgende Fakten: Am frühen Abend des 13. Juni schoss der wegen Mordversuchs angeklagte 29-jährige Itzehoer mit einer Pistole in der De-Vos-Straße vor der Begegnungsstätte der Johanniter auf eine Gruppe Männer. Ein 27-Jähriger wurde dabei lebensgefährlich verletzt. Im Anschluss lieferten sich der Schütze und sein 24-jähriger Bruder, der mit ihm auf der Anklagebank sitzt, eine Verfolgungsjagd mit Begleitern des Verletzten. Erst vor dem Kanaltunnel in Rendsburg beendete die Polizei die wilde Fahrt mit einer Straßensperre. Zum Prozessauftakt hatten die Angeklagten in ausführlichen Aussagen die Tatvorwürfe eingeräumt, sehen sich aber als Opfer eines Angriffs. Die Schüsse seien in Notwehr abgegeben worden (wir berichteten).

Zum Auftakt der Beweisaufnahme sagte gestern der Bruder des Angeschossenen, ein 25-jähriger Itzehoer aus. Er gehörte ebenfalls zur Gruppe, auf die geschossen wurde und tritt in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Eigentlich habe er gar nichts zur Sache sagen wollen, erklärte der Zeuge. Doch weil er erfahren habe, dass die Angeklagten vor Gericht „Märchen“ erzählt hätten, würde er sich nun äußern. Die Attacke vom 13. Juni stellte der 25-Jährige als völlig überraschenden Angriff dar. Er bestätigte zwar, am Tatort einen „kleinen Baseball-Schläger“ in Richtung des Autos geworfen zu haben, dies sei aber erst als Reaktion auf die Schüsse passiert. Die Angeklagten hatten in ihrer Aussage behauptet, zunächst seien sie von der anderen Gruppe mit Baseball-Schlägern und Messern angegriffen worden.

Der Zeuge bestätigte die Aussagen der Angeklagten dahingehend, dass es zu der Schießerei eine längere Vorgeschichte zwischen den angeklagten Brüdern und seinem Umfeld gab. Allerdings sieht er sich und seine Freunde als Opfer einer ungerechtfertigten Aggression, während sich die Brüder ihrerseits als Opfer präsentierten. Neu war an der Aussage des Zeugen ein mögliches Motiv für den Streit der Konfliktparteien: Demnach sei es Ende Januar 2016 zur sexuellen Belästigung einer Frau durch einen Verwandten der Angeklagten gekommen. Der Ehemann der Frau habe dies „klären“ wollen – und dafür die Unterstützung des 25-Jährigen und seines Bruders gesucht. „Ich denke, der Angriff auf uns ist erfolgt, weil wir den Ehemann verteidigt haben.“ Zuvor habe es bereits zwei weitere Attacken mit Messern und Schlagstöcken auf ihn gegeben.

Von einer Messerstecherei am 13. Februar in der Potthofstraße, bei der der jüngere Angeklagte schwer verletzt wurde und die er als Auslöser des Konfliktes dargestellt hatten, wollte der 25-Jährige nichts wissen – obwohl er sich laut Polizeiakten in der Nähe des Tatortes aufgehalten hatte. Auch in weiteren Punkten gab es deutliche Widersprüche zwischen der umfangreichen Aussage des Zeugen und den polizeilichen Ermittlungsakten. Mehrfach korrigierte sich der Mann oder gab Informationen erst auf intensive Nachfragen von Richterin Isabel Hildebrandt preis.

Staatsanwalt Joachim Bestmann wollte nach der Aussage des Zeugen keine Prognose über den Ausgang des Verfahrens wagen. „Wir stehen noch ganz am Anfang der Beweisaufnahme“, sagte Bestmann auf Nachfrage. Er sei noch „völlig neutral“ und könne von einem Freispruch bis zu einem Urteil wegen Mordversuchs nichts ausschließen. Sicher sei nur, dass die Verhandlung noch lange dauern werde. Über 20 Zeugen sollen an weiteren Verhandlungstagen gehört werden. Vor Ende Januar sei mit keinem Urteil zu rechnen.

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erstellt am 30.Nov.2016 | 05:10 Uhr

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