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Norddeutsche Rundschau

06. Dezember 2016 | 15:12 Uhr

Nach Verfolgungsjagd bis Rendsburg : Prozess-Auftakt in Itzehoe: Notwehr oder Mordversuch?

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vor dem Landgericht Itzehoe hat der Prozess zur Schießerei vom 13. Juni in Itzehoe-Wellenkamp begonnen.

Itzehoe | Es waren Szenen wie aus einem Film über amerikanische Straßengangs: Am 13. Juni wurde in Wellenkamp auf offener Straße auf eine Gruppe Männer geschossen, anschließend lieferten sich mehrere Fahrzeuge eine wilde Verfolgungsjagd durch die Stadt und über die B77 bis zum Kanaltunnel in Rendsburg, wo die Polizei das Treiben mit einer Straßensperre beendete. Vor der 5. Strafkammer des Landgerichts Itzehoe begann am Dienstag unter starken Sicherheitsvorkehrungen der Prozess gegen den mutmaßlichen Schützen und seinen Bruder. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft gemeinschaftlichen versuchten Mord vor.

Der erste Verhandlungstag brachte viele Erkenntnisse zum Tathergang, die eigentlichen Hintergründe bleiben zunächst nebulös. Die Angeklagten, zwei derzeit inhaftierte 29 und 24 Jahre alte Brüder aus Itzehoe, beide staatenlos, aber mit armenischen Wurzeln, räumten die Vorwürfe weitgehend ein. Sie sehen sich aber als Opfer, die in Notwehr gehandelt hätten.

Ihrer ausführlichen Aussage zufolge hatten die Ereignisse vom 13. Juni eine längere Vorgeschichte: Bereits im Februar 2016 sei der
24-Jährige völlig unbeteiligt in eine Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe „Arabern und Türken“ in einem Itzehoer Gewerbegebiet geraten. Dabei wurde er mit einem Messer schwer verletzt. Im Anschluss habe er sich große Sorgen gemacht, dass er als möglicher Zeuge bedroht werden könnte. Er habe sich von der Polizei im Stich gelassen gefühlt. Sein älterer Bruder teilte die Sorgen und besorgte zum Schutz mehrere Waffen – unter anderem die Tatwaffe vom 13. Juni, eine halbautomatische Pistole.

Im Mai, so die Angeklagten weiter, habe der 24-Jährige dann Gerüchte gehört, dass Itzehoer „Araber“ nach ihm suchten. Gemeinsam mit seinem Bruder habe er daher kurze Zeit später einen ihm lose bekannten Mann, der viele arabische Freunde habe, um Hilfe bitten wollen. Dieser habe abweisend reagiert, es sei zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen. Die beiden Brüder hätten sich daraufhin Sorgen gemacht, sie könnten angegriffen werden, und tauchten zunächst in Rendsburg unter.

Am 12. Juni seien sie nach Itzehoe zurückgekehrt. Einen Tag später seien sie am frühen Abend durch die De-Vos-Straße gefahren, als zwei Autos die Fahrbahn blockiert hätten und sie von etwa acht Personen „südländischen Aussehens“ mit Messern und Baseballschlägern angegriffen worden seien. Der 29-Jährige habe daraufhin die Waffe gezogen und zunächst zwei Warnschüsse abgegeben. Als diese die Angreifer nicht gestoppt hätten, habe er vage in deren Richtung zwei weitere Schüsse abgegeben. Dabei wurde ein 27-jähriger Itzehoer lebensgefährlich verletzt. Er ist der Bruder jenes Mannes, den die beiden Angeklagten zuvor angeblich um Hilfe gebeten hatten. Im Anschluss seien sie in Todesangst geflohen, sagten die Brüder übereinstimmend aus.

Zum möglichen Motiv des vermeintlichen Angriffs machten beide auch auf mehrfache Nachfragen nur die ungefähre Angabe, dass sie eine Verbindung zu der Messerattacke vom 13. Februar vermuten. Rechtsanwalt Siegfried Schäfer, Verteidiger des 29-Jährigen, versuchte mit Nachfragen geschäftliche Verbindungen der Beteiligten auf beiden Seiten zu beleuchten. Alle scheinen mit Gebrauchtwagenhandel in Itzehoe zu tun zu haben. Dies führte aber vorerst nicht zu neuen Erkenntnissen. Der Prozess wird am 29. November fortgesetzt. Es sind Verhandlungstage bis Mitte Januar angesetzt. Mehr als 20 Zeugen sollen aussagen.

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erstellt am 15.Nov.2016 | 19:00 Uhr

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