zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 16:46 Uhr

Landwirtschaft : Protestfahrt der Milchbauern

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Aus der Wilstermarsch per Trecker zum Bauernverband nach Rendsburg. Landwirtschaftlicher Nachwuchs hofft weiter auf eine gute Zukunft

„Ich kann mir gar nichts anderes vorstellen, als Landwirt zu werden.“ Auch wenn die Erlöse für ihre Milch seit eineinhalb Jahren im Keller sind: Carsten Diercks lässt sich seinen Traumberuf nicht vermiesen. Der 18-jährige Dammflether will eines Tages den Familienbetrieb in Rotenmeer übernehmen. Auch für Malte Bolten steht fest: Er will Landwirt werden. Der 17 Jahre alte Wewelsflether weiß genau, was da auf ihn zukommt. „Wir verdienen schon seit eineinhalb Jahren kein Geld mehr. Für unsere Milch bekommen wir 20 Cent. Allein die Produktion kostet mindestens 30.“ Die beiden angehenden Jungbauern wollen aber um ihre Zukunft kämpfen. Auch deshalb schlossen sie sich einer Protestfahrt von Milchbauern aus der Wilstermarsch an, die sich gestern in aller Frühe mit Treckern und daran angebrachten Protestschildern in Richtung Rendsburg in Marsch setzten.

Die Unterstützung der Bevölkerung ist den Landwirten gewiss. Teilnehmer berichten, wie ihnen schon auf der Fahrt zum Treffpunkt am „Colosseum“ immer wieder Menschen an der Straße aufmunternd zuwinkten. Das Ziel ist klar: Die Milcherzeuger fordern über alle Verbandsgrenzen hinweg eine europaweite Drosselung der Produktion. Nur so könne dem anhaltenden Preisverfall Einhalt geboten werden. Die Sternfahrt zur Zentrale des Landesbauernverbands, aus allen Richtungen schlossen sich unterwegs Berufskollegen an, soll die eigene Interessenbewegung zu mehr Einsatz für die gebeutelten Milchbauern bewegen. Im Gespräch machen viele Landwirte aus ihrer Unzufriedenheit mit der Politik des Bauernverbands keinen Hehl, zahlreiche sind inzwischen sogar ausgetreten, weil sie sich nicht mehr angemessen vertreten fühlen.

Landwirt Heiko Strüven aus Aebtissinwisch ist einer der Organisatoren der Protestfahrt. Er rechnet vor, dass der Verfall der Milchpreise nicht nur für jeden Bauern persönlich, sondern für die Gesamtwirtschaft gravierende Folgen habe. „Bislang gibt es für Schleswig-Holstein einen Wertverlust von rund einer halben Milliarde Euro.“ Zunehmend betroffen sei auch der nachgelagerte Bereich – vom Landhandel über Tierärzte bis hin zu den Banken. Vor diesem Hintergrund gewinnt ein symbolischer Akt schmerzlich an Bedeutung. Neben einer Resolution übergaben die Milchbauern dem Bauernverband in Rendsburg einen Grabstein – in Gedenken an die Milchviehhalter und verbunden mit der Forderung, dass „ihr endlich aufwacht“. Der Brokdorfer Jörg Schmidt macht dabei noch einmal deutlich, was er und seine Kollegen von Verband und Politik erwarten: „Die Menge muss runter, mehr brauchen wir gar nicht.“ Vor allem, so fügt er hinzu, keine vollmundig angekündigten Finanzhilfen. „Heruntergerechnet kommen da auf unseren Höfen vielleicht gerade mal 1000 Euro an.“

Nach dem Start in Wilster passierte der Protestkonvoi zunächst die Gemeinde Huje. „Hier kann man gerne einmal kurz hupen“, spielte Heiko Strüven darauf an, das Huje die Heimat von Bauern-Vizepräsident Peter Lüschow ist. Kurz Station wurde dann an der Meierei in Hohenwestedt gemacht, bevor es auf der Bundesstraße 77 weiter nach Rendsburg ging. „Auf der zweispurigen Straße sollte man vorsichtig fahren“, mahnte Strüven noch schlitzohrig. Schließlich sollte der von einem Fernsehteam begleitete Protestzug auch gebührend wahrgenommen werden.

Derweil machen Finn Strüven (18) und sein 16 Jahre alter Bruder Oke ihrem Vater Mut. „Papa?! Wir schaffen das!“ steht auf einem an ihrem Schlepper angebrachten Schild. Beide wollen ungeachtet aller Krisen den elterlichen Hof übernehmen. „Das ist mein Leben, ob die Preise gut sind oder schlecht. Landwirt ist ja auch kein Beruf, sondern eine Berufung“, sagt Finn.
Mehr zum Thema auf der Wirtschaftsseite

zur Startseite

von
erstellt am 13.Mai.2016 | 05:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen