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Norddeutsche Rundschau

28. September 2016 | 02:02 Uhr

Zukunftssorgen in Itzehoe : Prokon-Mitarbeiter gegen EnBW – Mehrheit für Genossenschaft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Angestellte melden sich zu Wort: Das EnBW-Angebot sei ein Schock. Mit dem Energie-Riesen könne man sich nicht identifizieren.

Itzehoe | Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) will das Itzehoer Unternehmen Prokon erwerben – und beide würden sehr gut zueinander passen, argumentiert der Konzern aus Karlsruhe. Die Reaktion an der Kirchhoffstraße in Itzehoe: Viele Mitarbeiter sind genervt. An einer Umfrage in der Belegschaft beteiligte sich rund die Hälfte der Angestellten, 80 Prozent waren für eine Zukunft als Genossenschaft. Mit der EnBW sehen sie sowohl die Idee hinter Prokon als auch viele Arbeitsplätze und den Standort in Gefahr. Deshalb wagen sich einige Angestellte jetzt in die Öffentlichkeit.

EnBW will Prokons Windgeschäft kaufen. Die rund 300 Mitarbeiter des Kerngeschäfts sollen im Falle eines Verkaufs übernommen werden. Das Unternehmen EnBW mit Sitz in Karlsruhe plant, realisiert und betreibt Windparks in Deutschland, Polen und Finnland. Nach Eon und RWE ist die Energie Baden-Württemberg AG das drittgrößte Energienunternehmen in Deutschland.

Am 2. Juli soll die Gläubigerversammlung in Hamburg entscheiden: Genossenschaftsmodell oder Investorenlösung mit dem Einstieg von EnBW? Seit er sein Angebot über 550 Millionen Euro bekannt gemacht hat, wirbt der Energieriese intensiv um die Stimmen der 100.000 Gläubiger und will zudem die Angestellten überzeugen. Doch für viele sei der Name EnBW ein Schlag ins Gesicht gewesen, sagt Nadja Bucholski, Projektmanagerin für Finanzierung. „Es war ein Schock im Unternehmen: Damit können wir uns nicht identifizieren, dafür können wir nicht kämpfen.“

Viele seien aus ethisch-politischer Motivation bei Prokon, sagt Anne Dittrich, Projektmanagerin im Energiehandel. EnBW betreibe weiter Atom- und Kohlekraftwerke, „das passt einfach zu vielen von uns moralisch nicht“. Die Insolvenz sei durchgestanden worden mit enormem Arbeitseinsatz und der Aussicht, die Philosophie weiterleben zu können – dabei hätten viele andere Jobs finden können, betont Angela Key, zuständig für Gehälter. Von einer „absolut einzigartigen Firma weltweit“ spricht ein Kollege, der anonym bleiben möchte. Und vor allem: „Wir haben die Kunden, die das wirklich wollen. Welche Firma hat es geschafft, so viele Gleichgesinnte zusammenzubringen?“

Ein anderer bekräftigt: Prokon sei aufgebaut worden mit Genussrechtsinhabern, von denen viele von dem Thema überzeugt seien. Die Angestellten täten alles dafür, den Verlust der Anleger zu minimieren, sagt Nadja Bucholski. Anne Dittrich ergänzt: Die Genossenschaft bringe die Chance auf Wiedergutmachung. Die erste Voraussetzung ist, dass genügend Anleger ihre Genussrechte in Anteile an der Genossenschaft umwandeln. Bis zum 26. Juni müssen dafür verbindliche Erklärungen abgegeben werden für Forderungen aus Genussrechten in Höhe von mindestens 660 Millionen Euro – sonst kommt der Genossenschafts-Insolvenzplan am 2. Juli gar nicht erst zur Abstimmung.

Das Genossenschaftsmodell sei auch wirtschaftlich besser, meinen die Mitarbeiter. Die Insolvenzquote – also der Anteil, der vom angelegten Geld übrig bleibt –, liegt höher, auch wenn bei der EnBW sofort Bargeld fließt. Genossenschaftler wären an Prokon beteiligt mit allen Chancen und Risiken, aber dass das Modell trage, hätten der Insolvenzverwalter und die von ihm beauftragten Experten bestätigt. Zudem, sagt Anne Dittrich, „wurde bei uns jeder Stein dreimal umgedreht“. Für die vielen Projekte, die in Planung seien, stünden Banken zur Finanzierung bereit. Die EnBW mit ihren jüngsten hohen Verlusten und den Kostenrisiken aus der Stilllegung der Atomkraftwerke sei dagegen nicht der starke Partner, als der sie sich präsentiere, meint ein Prokon-Mann.

Der Konzern wolle sehr günstig die Prokon-Windparks, die technische Betriebsführung und die Strom-Endkunden übernehmen, nachdem er die Entwicklung bei den erneuerbaren Energien verschlafen habe, vermutet Anne Dittrich. Der Rest sei bei EnBW vorhanden und werde „über kurz oder lang platt gemacht“. Dass die Karlsruher Prokon als eigenständiges mittelständisches Unternehmen weiterführen würden, glauben die Mitarbeiter nicht. Es gehe bei diesen Aussagen nur darum, Stimmen zu sammeln, urteilt einer: „Eine reine Marketing-Veranstaltung.“

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erstellt am 11.Jun.2015 | 07:00 Uhr

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