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Norddeutsche Rundschau

08. Dezember 2016 | 03:03 Uhr

Musikfestival : Perfektes Zusammenspiel bewiesen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Schumann-Quartett überzeugt in der Glückstädter Stadtkirche mit musikalischem Können.

Die Stadtkirche und das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) gehen schon seit Jahren eine Symbiose von besonderer Güte ein. Selbst ein Wolkenbruch unmittelbar vor Konzertbeginn konnte der spezifischen Mischung aus anspruchsvoller Erwartung und idyllischer Stimmung nichts anhaben. Die während der Pause vom Festivalbeirat unter freiem Himmel (in der Südwestecke des Kirchplatzes) servierten Getränke unterstrichen die heimelig-kuschelige Atmosphäre im flackernden Schein der Fackeln mit einem angeregt plaudernden Publikum. Die heile Welt wäre vollkommen gewesen, wenn nicht ein junger Mann seinen Pkw auf der Kirchplatzstraße für eine lautstarke Demonstration seiner Zugehörigkeit zur Vollgas-Fraktion genutzt hätte. Statt der Reifenmusik hatte das Publikum, das aus der praktisch restlos ausverkauften Kirche zum Pausen-Schnack strömte, zuvor fein differenzierte Kammermusik gehört.

Von der begeisterten Publikumsreaktion nach mehr als zwei Stunden Streichquartett-Kammermusik von Haydn, Mozart und Beethoven waren die Künstler des Schumann-Quartetts so angetan und überrascht, dass erst die Noten für die Zugabe (das Scherzo aus Haydns Vogelquartett) geholt werden mussten. Da stellten die Brüder Erik, Ken (Violine) und Mark Schumann (Violoncello) sowie Liisa Randalu (Viola) noch einmal unter Beweis, was ihre Kunst an diesem Abend ausmachte: einerseits perfektes Zusammenspiel und ausgewogene Eleganz als klassisches Klangideal, andererseits als ein spezifisches Charakteristikum die Fähigkeit, das Humorvolle in der Musik anklingen zu lassen.

Wie Haydn im 4. Satz seines Scherz-Streichquartetts ( Es-Dur op. 33 Nr. 2 Hob. III:38) sein Publikum neckt, indem er einen Schein-Schluss an den nächsten reiht, findet sich auch im Ansatz bei Mozart (Streichquartett G-Dur KV 387) und auch bei Beethoven (Streichquartett F-Dur op. 59 Nr. 1 „Rasumowsky“) wieder.

Nun wäre jedoch die künstlerische Leistung des noch ziemlich jungen Quartetts, das seit knapp zwei Jahren in dieser Zusammensetzung spielt, ziemlich reduziert beurteilt, wenn man bei diesem Konzert nur den musikalischen Witz erwähnte. Nein, so wie die Musiker ihre vier Instrumente gleichsam zu einem Klang von betörender Schönheit verschmelzen, gelingt es ihnen auch, das Wesentliche der drei Werke herauszuspielen: das Spielerisch-Tänzerische bei Haydn, Mozarts experimentierfreudige Replik darauf und gleichsam als Vollendung der Gattung des Streichquartetts Beethoven, dessen anfängliches Pathos vor allem im dritten Satz einer ergreifenden Traurigkeit weicht, die erst ganz sanft, dann aber unaufhörlich um sich greift. Gerade, wenn man von diesem Gefühl eingefangen wird, wechselt das Schumann-Quartett wieder in einen mitreißenden sinfonischen Ton. Auch in vielen anderen Facetten merkt man die Akribie, die die Vier in die gedankliche Auseinandersetzung mit den Werken investieren, eine Auseinandersetzung, die sich in hohem technischen Standard einerseits und der Tiefe der Interpretation andererseits widerspiegelt. Da passte musikalisch einfach alles zusammen: das Können, das Programm, die Kunst der Präsentation. Und das im Schein hunderter von Kerzen strahlende Kirchenschiff lieferte das i-Tüpfelchen dazu.


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