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Klinikum Itzehoe : Notstand auf dem Klinik-Flur

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Viele Patienten kommen in die Notaufnahme, obwohl sie kein akuter Fall sind – das kostet Geld und stresst das Personal.

Nachmittags in der Notaufnahme im Klinikum Itzehoe: Patienten liegen auf Krankentragen im Gang, die Behandlungszimmer sind voll, vor der Aufnahme quetschen sich drei Krankenwagen dorthin, wo nur Platz für einen ist. Immerhin: Die Wartestühle drinnen sind nicht alle belegt.

„Das geht hier gerade noch“, sagt der Ärztliche Direktor Michael Kappus nüchtern. Soll heißen: Es gibt Zeiten, in denen noch deutlich mehr los ist. In der Notaufnahme im Klinikum herrscht Notstand, wie in vielen Krankenhäusern im Land. Bessern könnte die Situation vor allem eines: Wenn Patienten, bei denen kein akuter Notfall vorliegt, nicht mehr kämen.

Eine, die es richtig macht, ist Sigrid Dombert, die mit ihrem Vater im Wartezimmer sitzt. Er hat Hautprobleme, zuvor waren sie beim Facharzt, der sie in die Notaufnahme schickte. Dass Menschen kommen, ohne dass bei ihnen ein medizinischer Notfall vorliegt, überrascht sie: „Dafür gibt es doch die medizinische Anlaufstelle nebenan.“ Genau das predigen auch Kappus und Kollege Michael Kentsch, Chefarzt der Medizinischen Klinik. Wer kein Notfall ist, sollte – sofern Fach- und Hausärzte geschlossen haben – in die Anlaufpraxis am Klinikum gehen oder den Bereitschaftsdienst rufen. Zu viele tun das nicht.

Kappus und Kentsch machen zwei Faktoren aus, die Menschen in die Notaufnahme treiben: Weil die Behandlung im Krankenhaus besser sei als anderswo und weil sie glauben, ihnen werde dort schneller geholfen. Ein Trugschluss, so Kappus, denn wer eine Prellung hat, konkurriert in der Notaufnahme mit richtigen Notfällen, die früher dran sind – stundenlange Wartezeiten sind die Folge. Behandelt wird trotzdem. „Wir sind rechtlich verpflichtet, jeden anzuschauen, und tun das natürlich auch“, sagt Kappus.

Der Anteil derer, die fälschlicherweise in die Notaufnahme gehen, liege im Klinikum bei 25 bis 30 Prozent. Und das ist teuer: Im Mittel kostet ein Notaufnahme-Patient 126 Euro, der Erlös liegt bei 38 Euro, weil nach Pauschalen abgerechnet werden muss, die niedriger ausfallen als die Beträge nach ärztlicher Gebührenordnung. Bleibt ein Minus von 88 Euro. Mit mehr Geld könnten Kliniken mehr Personal einstellen und die Lage entschärfen, das scheitert laut Kappus aber am Einfluss von Lobbyisten. In den Notaufnahmen in Deutschland entsteht derzeit ein Minus von einer Milliarde Euro pro Jahr.

Darunter leiden nicht nur die Kassen, sondern vor allem Menschen. In erster Linie Krankenschwestern und Krankenpfleger. Teilweise werden sie angepöbelt, weil Patienten meinen, nicht schnell genug dranzukommen. „Es kommen immer mehr Leute, und die haben höhere Ansprüche, die nicht immer erfüllt werden können. Die Kapazitäten sind knapp, das trägt nicht zum entspannten Arbeiten bei“, sagt Krankenschwester Marzanna Frost. Auch als Hausarzt-Ersatz sehen einige die Notaufnahme. Ihr Argument: Weil sie in die Krankenkasse einzahlen, müsse man auch im Krankenhaus etwas für sie tun. Die solidarische Krankenversorgung funktioniert aber nach Notwendigkeit, nicht nach Verfügbarkeit. „Das muss man den Leuten näher bringen“, findet Kappus. Auch wüssten viele Versicherte nicht, wie teuer eine Behandlung wirklich sei. Weil die Rechnungen, die sie erhalten, dies nicht hergeben.

Kappus und Kentsch ist dennoch wichtig zu sagen, dass jeder sehr genau auf seine Symptome achten müsse. „Brustschmerzen könnten ein Herzinfarkt sein und gehören in die Notaufnahme“, sagt Kentsch. Oft helfe es, einmal genau zu überlegen, ob ein Notfallarzt wirklich nötig sei. Und: Man solle sich nicht durch Internetrecherchen verrückt machen lassen.



> Der Ärztliche Notdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein ist erreichbar unter 116117.

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erstellt am 21.Mär.2017 | 05:00 Uhr

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