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Norddeutsche Rundschau

27. September 2016 | 10:42 Uhr

Tarifstreit : Nicht genug Geld zum Leben

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vitanas-Mitarbeiter des Psychiatrischen Centrums in Engelbrechte Wildnis fordern mehr Lohn und untermauern ihr Anliegen heute bei der Konzernspitze in Berlin.

Heute um 4.30 Uhr startete ein Bus mit streikenden Mitarbeitern des Psychiatrischen Centrums Glückstadt der Vitanas GmbH nach Berlin. Dort ist eine Sitzung des Aufsichtsrates der Firmenzentrale anberaumt. Den Beschäftigten, die gestern in den Warnstreik traten, geht es darum, endlich einen akzeptablen Tarifabschluss zu bekommen (wir berichteten).

Mit im Aufsichtsrat sitzt Michael Kühl aus Glückstadt als Arbeitnehmervertreter. Er ist seit 35 Jahren in der Einrichtung beschäftigt: „Es geht in der Sitzung eigentlich nur um Bilanzen. Ich hoffe aber, dass durch den Rabatz vor dem Gebäude das Thema Lohnverhandlungen mit auf die Tagesordnung kommt.“

Unzufrieden sind die Streikenden über das Verhalten von Nicolai Burkhart. Der ist Eigentümer und Geschäftsführer der Vitanas-Gruppe mit bundesweit 42 Einrichtungen, davon drei Integrationszentren wie die in der Engelbrechtschen Wildnis. Seit 2002 hat es hier für die Mitarbeiter keine Lohnerhöhung mehr gegeben. Gewerkschaftssekretärin Heike Maser-Festsersen von Verdi fordert eine Bezahlung nach dem kirchlichen Tarifvertrag so wie bei den Glückstädter Werkstätten: „Eigentlich wäre der Tarif für den öffentlichen Dienst anzuwenden, aber die Spanne dazu beträgt fast 50 Prozent und ist deshalb sowieso nicht erreichbar. Der Abstand zum Kirchentarif beträgt etwa 30 bis 35 Prozent und diese Angleichung wollen wir in mehreren Schritten erreichen.“

Das vorgelegte Angebot des Arbeitgebers sei für den Bereich Eingliederung eventuell annehmbar, aber für die Mitarbeiter im Pflegebereich ist das Angebot einer Einmalzahlung von 2,4 Prozent und einer Lohnerhöhung von 2,5 Prozent für die Verhandlungsführerin nicht akzeptabel. Etwa je die Hälfte der 170 Mitarbeiter sind in den Bereichen Eingliederung und Pflege beschäftigt.

Einer von ihnen ist Krankenpflegehelfer Ulf Krugmann (48). Seit 20 Jahren arbeitet er in der Einrichtung und ist für Körperpflege, Essen und die Beschäftigungstherapie der Bewohner zuständig: „Im Monat verdiene ich hier in Vollzeit und mit den Schichtzulagen 1600 Euro. Davon kann ich mit meiner Familie nicht leben, sodass ich seit 16 Jahren auf einen Nebenjob angewiesen bin“, erzählt er. „Die Arbeitsbelastung ist ständig größer geworden. Für ein warmes Dankeschön auf der Weihnachtsfeier kann ich mir nichts kaufen.“

Sorgen macht sich auch Betriebsratsvorsitzende Heike Kühl: „Eigentlich arbeiten alle gerne hier und wir wollen, dass die Einrichtung erhalten bleibt. Deshalb geht unser Protest auch nicht gegen die örtliche Einrichtungsleitung.“ Die Zentrumsleiter Wolfgang Ahrens (Eingliederung) und Michael Thee (Pflege) hätten wenig Entscheidungsspielräume. Heike Kühl: „75 Prozent der Mitarbeiter sind gewerkschaftlich organisiert. Die Unzufriedenheit wächst, einige haben schon gekündigt.“

Zentrumsleiter Wolfgang Ahrens betont: „Ich habe ein Interesse an einer schnellen Einigung, die Verhandlungen laufen seit Oktober vorigen Jahres sehr schleppend. Für unsere Bewohner ist während des Streiks aber gesorgt, denn mit der eingeschränkten Sonntagsbereitschaft decken wir die wichtigsten Versorgungen.“ Morgen soll wieder gestreikt werden.

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