zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

03. Dezember 2016 | 05:43 Uhr

Zeitgeschichte : Neue Chance für Industrie-Museum

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Inhaber der Druckerei J.J. Augustin in Glückstadt wollen denkmalgeschütztes Gebäude für Besucher öffnen.

Könige und Wissenschaftler ließen bei J.J.Augustin drucken. Die Glückstädter Druckerei, die einst Weltruf genoss, soll neu belebt werden. Allerdings in anderer Form. Die Inhaber Cornelia und Michael Reimers haben sich jetzt entschlossen, ein Industrie-Museum einzurichten. Wenn möglich mit Bistro, Workshops und einem Verkaufsshop. Die „Schwarze Kunst“ mit Bleilettern soll erlebbar gemacht werden. „Wir stehen aber noch ganz am Anfang“, sagte die Inhaberin. „Alle Gebäude sind unter Denkmalschutz gestellt worden, auch das Inventar.“ Letzteres ist in Teilen einzigartig.

Dass das Ehepaar den Weg selber beschreiten will, ist neu. Seit sechs Jahren wurde nach Möglichkeiten gesucht, um ein Museum über Dritte zu etablieren. Es gab keine Lösung. Das Ehepaar selbst sah sich damals wirtschaftlich nicht in der Lage, den historischen Gebäudekomplex am Fleth mit einer Fläche von 2700 Quadratmeter zu halten. Das Grundstück ist 2900 Quadratmeter groß. Der Komplex sollte verkauft werden. Zu dem Zeitpunkt stand allerdings nur ein Haus unter Denkmalschutz.

Christine Stiefel, Maklerin des Ehepaares, brachte das neue Projekt jetzt ins Rollen. Kein leichtes Unterfangen: Das Ehepaar Reimers muss einen Kredit aufnehmen, um ausbauen zu können. Doch die Unterstützung ist groß, selbst die Denkmalschützer wollen helfen, das Projekt zu stemmen. Die Organisatoren hoffen, Fördermittel in Anspruch nehmen zu können. „Ein Museum allein trägt sich nicht“, sagt Cornelia Reimers. Deshalb will sie ein Bistro oder auch ein Café einrichten, Workshops anbieten und Zimmer ausbauen, in denen die Teilnehmer übernachten können. Der schöne Garten mit seinem alten Baumbestand soll für Veranstaltungen genutzt werden.

Das Projekt „Museum“ ist in Planung, es gibt erste Denkmodelle von Fachleuten, die das Ehepaar unterstützen. Unter anderem bekommt es Hilfe von Mitarbeitern des Museums für Arbeit in Hamburg. Diese kennen sich mittlerweile in der Druckerei Augustin aus, auch weil sie eine Bestandsaufnahme gemacht haben. Dabei ist auch Artur Dieckhoff, einer der Filmemacher von Jimmy Ernst. Dieser Film über das Leben des bekannten Lehrlings der Augustin-Druckerei soll dort ebenfalls gezeigt werden. Unterstützung soll es auch vom Trägerverein „Zeichen der Welt“ geben, der sich personell gerade neu aufstellen wird.

Wenn alles klappt, werden die Stationen im künftigen Museum vor allem Einblicke bieten in die Kunst der Buchherstellung – vom Manuskript bis hin zum Buchbinden. So sollen Besucher Papier selbst handschöpfen können – diese und andere Aktionen stehen auf dem Ideenplan. „Im nächsten Frühjahr wollen wir schon mit der ersten Führung starten“, sagt Cornelia Reimers.

Herausragende, einmalige Arbeitsutensilien sind die chinesischen sowie der eine japanische Zirkel. Aus diesen haben sich die Setzer einst Bleilettern herausgenommen, um Manuskripte für Bücher zu setzen. 1912 bekam der damalige Druckereibesitzer Wilhelm Augustin Besuch von Professor O. Franke. Dieser gab den Druck eines Werkes in chinesischer Sprache in Auftrag. Damit wurde der Grundstein für den späteren Weltruf des Unternehmens gelegt. Augustin nahm den Auftrag an, lernte Chinesisch und bestellte 7000 chinesische Schriftzeichen. Und für sie baute er den ersten Zirkel, weitere kamen hinzu. Zahlreiche Aufträge in fremden Sprachen folgten. Unter anderem in Arabisch, Syrisch, Persisch, Pehlewi, Malaiisch und Tibetisch. Gesetzt wurden auch Hieroglyphen, Runen, Keilschriften und Sanskrit. Insgesamt wurden Schriftstücke in 108 ungewöhnlichen Sprachen und Schriftzeichen hergestellt – per Hand im Bleisatz. Und vor 276 Jahren wurde dort die erste Ausgabe der „Glückstädter Fortuna“ gedruckt.

All das ist noch erhalten, ebenso Maschinen aus den folgenden Jahren. Alle Nachfolger haben den Schatz bewahrt. Zudem gibt es einen großen Bestand an Büchern, die in dieser Zeit gedruckt wurden. Darunter ausgefallene Exemplare und auch Bücher, in denen erstmals die Sprache von Indianern in Schriftform gedruckt wurde.

zur Startseite

von
erstellt am 21.Okt.2016 | 05:09 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen