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Norddeutsche Rundschau

04. Dezember 2016 | 07:10 Uhr

Interview : „Negativzinsen kann ich nicht ausschließen“

vom

Achim Thöle, Chef der Sparkasse Westholstein, findet klare Worte zur aktuellen Lage an den Finanzmärkten.

Herr Thöle, die Aufregung in der Bankenwelt ist groß. Beinahe täglich gibt es neue Nachrichten, die Ihnen nicht gefallen können. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?
Achim Thöle: Wir haben jetzt schon seit einiger Zeit eine Niedrigzinsphase. Wenn man anfangs noch das Gefühl hatte, es sei nur eine vorübergehende Phase, zeigt sich nun immer mehr, dass wir mit diesem niedrigen Zinsniveau noch längere Zeit zu tun haben werden.

Hat auch Sie als Experte das überrascht?
Das hat es tatsächlich. Anfangs denkt man, das ist eine zeitlich befristete Maßnahme der Europäischen Zentralbank (EZB, d. Red.). Aber weil die Maßnahmen, die Herr Draghi (Vorsitzender der EZB, d. Red) eingeleitet hat, nicht wie erhofft gegriffen haben, nämlich dass sich die Preise nach oben entwickeln und die Wirtschaft wieder in Gang kommt, wurden immer weitere Maßnahmen von Herrn Draghi initiiert. In den Auswirkungen greifen diese jetzt noch tiefer als man erahnt hatte.

Wie reagieren Ihre Kunden darauf? Gibt es überhaupt eine Reaktion?
Das gesunkene Zinsniveau hat zur Folge, dass man auf die Einlagen seines Sparbuchs keine Zinsen mehr bekommt. Da sind wir bei Null angekommen. Ich habe den Eindruck, dass viele Sparer noch gar nicht realisiert haben, was das bedeutet. Kurzfristig mag das verkraftbar sein, aber insbesondere stelle ich fest, dass die Menschen die Altersvorsorge vernachlässigen. Inzwischen sind es rund 40 Prozent der Sparer, die nichts mehr für das Alter auf die Seite legen. Da drohen im Alter fatale Versorgungslücken.

Wie können Sie als Sparkasse dem entgegenwirken?
Wir gehen aktiv auf unsere Kunden zu und bieten Beratung an. Leider gibt es in Deutschland keine ausgeprägte Aktienkultur. Zumeist herrscht die Meinung vor, Aktien seien eine kurzfristige Anlageform. Aktiensparen bedeutet für mich eine Form der Altersvorsorge, also dass man sein Depot auch einmal fünfzehn Jahre arbeiten lässt. Ich kann nur an alle Menschen, nicht nur an unsere Kunden, appellieren: Gehen Sie zu ihrem Bankberater. Lassen Sie sich aufklären, und lassen Sie sich Alternativen aufzeigen. Und das so bald wie möglich.
 

Nun sind Prognosen, besonders in diesen Zeiten, schwierig. In welchen Zeiträumen rechnen Sie?
In unserem Haus machen wir eine sehr konkrete Prognose für das kommende Jahr. Und schauen darüber hinaus, wie sich unsere Ergebnisse in den nächsten vier Jahren entwickeln werden. Und die sind eindeutig rückläufig. Weil wir bereits an der Null-Zins-Schwelle angekommen sind, können wir mit den Zinsen eigentlich nicht weiter runtergehen.

Warum eigentlich?
Eigentlich deshalb, weil es in Deutschland noch nie Minuszinsen gab, schon gar nicht für Privatkunden. Wir refinanzieren uns zum Großteil über Privatkundengelder. Wenn der Zinssatz für Spareinlagen bei null Prozent verharrt (eingefroren wird) und das Zinsniveau weiter sinkt, wird unsere Marge kleiner. Das schlägt durch auf unsere Gewinne. Weil wir als Sparkasse ein öffentlich-rechtliches Institut sind, können wir unser Eigenkapital nicht von außen erhöhen. Wir benötigen diese Gewinne, um unser Eigenkapital zu stärken. Zum einen, weil die erhöhten regulatorischen Anforderungen das erfordern. Zum anderen wollen wir unsere Kunden, ob privat oder gewerblich, bei ihren Investitionen weiter begleiten.

Würden Sie sich, wie es einst Frau Merkel und Herr Steinbrück in anderem Zusammenhang garantierten, soweit aus dem Fenster lehnen und sagen: ,Die Einlagen der Sparer sind mit Blick auf Negativzinsen sicher?’
Diese Prognose würde ich nicht abgeben.

Sie schließen Negativzinsen also nicht aus?
Ich schließe sie im ersten Schritt zumindest für größere Anleger nicht aus. Dabei handelt es sich um Firmenkunden, die kommunale Seite und institutionelle Anleger. Da werden wir für Neuabschlüsse zukünftig ein Verwahrentgelt erheben müssen. Mit unseren Bestandskunden werden wir über geeignete Anlagealternativen ins Gespräch gehen.

Und für Privatkunden?
Für Privatkunden kann ich es im Moment noch ausschließen. Eine Garantie kann ich darauf aber nicht geben, weil die Märkte derzeit sehr unruhig sind. Wenn das Zinsniveau aber so niedrig bleibt, müssen wir dagegen anarbeiten. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es kein Halten mehr gibt und wir auch für Privatkunden Verwahrentgelte berechnen müssen. Wie dabei die genaue Ausgestaltung aussehen könnte, muss man sehen.

Wie kann man vor diesem Hintergrund die Menschen dazu bewegen, überhaupt noch Geld zu Ihnen zu bringen?
Sie werden es kaum glauben, aber in den letzten Monaten legen die Kunden viel Geld bei uns an – allerdings deutlich kurzfristiger als noch vor einigen Jahren, zum Beispiel auf Tagesgeldkonten.

Was bedeuten diese Entwicklungen konkret für die Kunden?
Die Kosten, die wir haben, müssen wir irgendwann an die Kunden weitergeben. Beispielsweise werden wir Dienstleistungen bepreisen müssen oder auch Preise erhöhen.

Was werfen Sie vor diesem Hintergrund in die Waagschale, um Kunden an sich zu binden?
Wichtig ist, dass wir den Kunden aufzeigen, was sie an der Sparkasse Westholstein haben. Nämlich dass wir Leistungen erbringen, in der Region vor Ort sind und uns dort in vielfältiger Weise engagieren – in Vereinen und Verbänden. Wir müssen deutlich machen, dass wir ein zuverlässiger Partner sind, erlebbar sind und nicht irgendwo in Frankfurt sitzen.

Ihr lokaler Konkurrent steht gerade wegen Filialschließungen in den Schlagzeilen. Droht das Ihren Kunden aufgrund der ungewissen Entwicklungen bald auch?
Wir haben bereits 2009/2010 zehn personenbesetzte Filialen in SB-Standorte umgewandelt. Dafür haben wir ordentlich Kritik einstecken müssen. Das waren keine guten Erfahrungen. Aber das Nutzerverhalten im Zuge der Digitalisierung und der demografische Wandel verändern die Dinge. Und darauf müssen wir einfach reagieren. In diesem Jahr wird nichts passieren, aber wir sind mit dem Verwaltungsrat in einer stetigen Diskussion auch über dieses Thema.

Wird es die Filiale, in der man dem Kunden vis-à-vis begegnet, zukünftig überhaupt noch geben?
Ja, davon bin ich überzeugt. Die Filiale der Zukunft wird mehr Mitarbeiter haben als heute. Die Filialen werden in der Anzahl weniger werden, dafür wird sich das Geschäft an größeren Standorten konzentrieren. In Brunsbüttel beispielsweise bauen wir gerade neu, da setzen wir ein Zeichen. Kleinere Standorte werden sich langfristig nicht mehr kostendeckend bewirtschaften lassen.

In den vergangenen Tagen wurden die Gehälter der Sparkassen-Vorstände öffentlich gemacht. Wie gehen Sie damit um. Dringt die Neiddebatte bis zu Ihnen durch?
Mit Blick auf die Finanz- und Bankenbranche fällt es manch einem schwer, die Dinge sachlich zu betrachten. Es geht darum, dass Banken und Sparkassen gute Führungskräfte brauchen, weil das Geschäft schwieriger und wesentlich komplexer geworden ist. Dazu gehört eine spezielle Qualifikation, die es in anderen Berufsgruppen in dieser Form nicht gibt. Insofern muss man die Branche betrachten. Eine externe Gehaltsstudie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Gehälter der Sparkassenvorstände in Schleswig-Holstein im mittleren Bereich bewegen, nicht exorbitant hoch sind, aber auch nicht ganz unten in der Skala. Die Diskussion kann ich dennoch verstehen, wenn man diese Summen liest.

Sind Sie darauf persönlich angesprochen worden?
Hier und da schon. Und das finde ich auch gut, weil bisweilen doch falsche Vorstellungen im Raum stehen. Im Gespräch kann man einiges auf die Sachebene zurückholen.

Können Sie ein Beispiel geben?
Die Aussage, der Steuerzahler müsse am Ende zahlen, wenn es den Sparkassen Banken schlecht geht, ist schlichtweg falsch. Das ist eher im Privatbankensektor der Fall. Wir haben einen Haftungsverbund, in dem wir uns gegenseitig stützen.

Die Deutschen gelten immer noch als klassische Sparer. Sehen Sie eine Abkehr von diesem Verhalten? Den Kindern zu vermitteln, bring’ 1 Euro zur Bank und du bekommst am Ende des Jahres 1,20 Euro zurück, wird immer schwieriger, das gibt es ja nicht mehr.
Doch das gibt es noch. Sie müssen nur auf andere Anlageformen ausweichen. Sparen heißt nicht zwingend aufs Konto sparen. Es ist ganz wichtig Geld beiseite zu legen, um später ein Ziel zu erreichen. Dieser Spargedanke bleibt entscheidend.

 

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erstellt am 28.Jun.2016 | 13:20 Uhr

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