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Norddeutsche Rundschau

08. Dezember 2016 | 17:14 Uhr

Monster-Jagd in der Innenstadt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Warum spielen alle nur noch „Pokémon Go“? Erika Glamann vom Stadtmanagement startet den Selbstversuch

Treffpunkt an der Stadtbibliothek. Lisa Gercken und Lisa Rakotonanahary, beide 14 und Achtklässlerinnen an der Gemeinschaftsschule Klosterhofschule, haben ihr Smartphone schon im Anschlag. Erika Glamann (60) hat nicht einmal ein eigenes Smartphone. Für diesen Tag hat sie sich das Gerät ihrer Chefin beim Stadtmanagement geliehen. Die Gratis-App „Pokémon Go“ ist installiert. Es kann losgehen.

Erika Glamann hat keine Ahnung, wie sie freimütig zugibt. Deshalb ist sie hier. Ganz in der Nähe der Tourist-Info vor St. Laurentii sieht sie seit Tagen Jugendliche mit ihren Handys sitzen. „Ein tolles Bild.“ Aber was tun sie da? Später.

Weg vom Lärm der Straße in den Klosterhof. Erste Frage der Erwachsenen: Sind die Pokémons jetzt gut oder böse? Lisa Gercken: „Es sind Neutrale, die man auf die eigene Seite ziehen kann, indem man sie fängt.“ Im Arm hält sie die mitgebrachte Puppe der Poké-mon-Figur Pikachu. Und: „Ich habe auch Pokébälle dabei.“ Erika Glamann lacht: „Was macht man denn damit?“

Geduld. Erst einmal helfen ihr die Mädchen, die App zu starten. Als Erstes kommt die Warnung: Wenn man durch die Gegend läuft, möge man auf seine Umgebung achten. Dazu hat gerade auch erst die hiesige Polizei ermahnt, natürlich auf Facebook: „Spiel und Straßenverkehr passen nicht zueinander.“ Im Klosterhof ist das kein Problem. Internet an, GPS-Signal an, damit das Handy weiß, wo es ist, Kamera an, damit Pokémons in die reale Umgebung eingeblendet werden. Es sind welche in der Nähe, liest Erika Glamann. Dann sieht sie sie: „Ich will das, das Niedlichste!“

Glumanda soll es sein. Jetzt kommen die Pokébälle zum Einsatz. Durch Wischen auf dem Display werden sie geworfen, „so richtig mit Schmackes“, rät Lisa Gercken. Einige Versuche, dann trifft Erika Glamann. Der Ball wackelt drei Mal: „Ich habe meinen ersten Pokémon gefangen!“

Und nun? Weitergehen und schauen, ob auf dem Handy neue Figuren angezeigt werden, Krabben, Vögel, Gemüse... Plötzlich sagt Lisa Gercken: „Da hat jemand ein Lock-Modul!“ Nur gegen echtes Geld, 99 Cent, ist so etwas als In-App-Kauf zu haben und lockt Pokémons an. „Es ist richtig cool, wenn Leute das machen“, sagt die 14-Jährige. „Ich freu’ mich dann immer richtig.“ Mit den Spielfiguren kommen die Menschen. Die Karte weist den Weg Richtung Kirchenstraße, von dort ertönt ein lauter Ausruf. Offenbar ein Triumphgeheul: „Das hört man immer“, sagt Lisa Gercken. Und Erika Glamann sinniert: „Wahrscheinlich muss ich mir morgen ein Smartphone kaufen.“

Nächster Halt am Torbogen zwischen Kloster und Kirchenstraße. Als „begabter Pokémon-Trainer“ braucht die
60-Jährige einen Namen für das Spiel – gar nicht so leicht, einen nicht vergebenen zu finden. Dann gelingen die nächsten Fänge, Level zwei ist erreicht: „Ich bin gut!“ Abklatschen mit den Mädchen, allerdings ist der Batteriestand des Handys binnen zehn Minuten von 50 auf 30 Prozent gesunken. „Es zieht sehr viel Akku, aber es lohnt sich“, sagt Lisa Gercken – und senkt den Blick wieder auf ihr Handy.

Ein paar Schritte zurück in den Klosterhof. Erika Glamann: „Ich finde hier gar nichts.“ Dann müsse man weitergehen, versetzt die 14-Jährige. Sie ist schon lange großer Pokémon-Fan, „ich möchte alles davon ausprobieren“. Es sei toll, dass man rausgehen und sammeln könne, sagt Lisa Rakotonanahary. „So kann man endlich mal etwas anderes machen als zu Hause zu hocken.“ Auch wenn ihr Hund jetzt zuweilen schon etwas müde sei, ergänzt Lisa Gercken. Mit dem Spiel kämen die Jugendlichen an die frische Luft, meint auch Erika Glamann: „Es gibt Schlimmeres, womit Kiddies sich beschäftigen können.“

Kirchenstraße. Stimmengewirr. Rund 30 junge Menschen schauen auf ihr Smartphone – denn hier gibt es Poké-Stopps, an denen sie sich mit wichtigen Zutaten versorgen können: Bälle, Tränke oder auch Eier. Diese müssen ausgebrütet werden, indem zwei, fünf oder sogar zehn Kilometer gelaufen werden. Die Poké-Stopps sind an markanten Punkten eingerichtet: der alte Grenzstein, die Kirche, das Neuner-Denkmal. Und über diese wird in der App auch informiert: „Meiner Meinung nach ist das ein besserer Tour-Guide als jede Broschüre“, sagt Lisa Gercken.

Deshalb geht der Blick einige Meter weiter an der Ecke zur Feldschmiede nach oben: eine Widmung für Kaiser Karl am Giebel, wieder ein Poké-Stopp. Offenbar aber einer, der weniger attraktiv oder schwer zu finden ist – niemand da. Auch am ZOB, eigentlich ein weiterer Pokémon-Hotspot, ist gerade wenig los. Also wieder in die Kirchenstraße. Die Masse ist weg, ihr Müll leider teilweise noch da. „Pokémon Go?“, ruft Lisa Gercken zu einer Gruppe vorbeigehender junger Männer, ihr selbst entwickelter Gruß. Er muss sich noch durchsetzen: „Nein“, kommt die Antwort. „Willst du ein Pikachu kaufen?“

Aber dann: ein neues Lock-Modul! Dirk Krohn (53) aus Burg ist dafür verantwortlich, der mit Sohn Daniel (18) und Bonke Möller (17) aus Hochdonn auf der Mauer sitzt. In Burg sei die Pokémon-Versorgung spartanisch, in Hochdonn sei sogar das Internet schwach, erklären sie. „Es ist schon eine witzige Nummer“, sagt Dirk Krohn über das Spiel, das erst seit dem 13. Juli in Deutschland verfügbar ist. Gegen seinen Sohn werde er wahrscheinlich verlieren. Andererseits stünden bald Dienstreisen nach Hamburg und Berlin an, schildert er lachend: „Dann mach’ ich euch platt.“

Lisa Gercken hat etwas entdeckt: Die Arena ist auf einmal gelb, nicht mehr rot. Sie wurde erobert. Die Arena liegt am Denkmal im Klosterhof, dort können Spieler ihre Pokémons gegeneinander antreten lassen. Feuer schlägt Pflanze, Wasser schlägt Feuer – „Pokémon funktioniert eigentlich nach dem Schere-Stein-Papier-Prinzip“, sagt Lisa Gercken. Ganz zu Beginn sucht sich jeder ein Team aus: Intuition (Gelb), Weisheit (Blau) und Wagemut (Rot). Die 14-Jährige gehört zu Team Rot, war aber bisher nicht in der Arena: Ihr Spiellevel sei noch zu niedrig.

Er steigt mit gefangenen Pokémons und deren Entwicklung durch die Spieler. Rund ein Drittel der 150 bisher in der App vorhandenen Pokémons haben die Mädchen gefangen. Doch die Pokémon-Welt umfasse mehr als 700 Figuren, sagt Lisa Gercken und wischt mit dem Finger über das Display – gefangen im ersten Versuch, so wie meistens: „Ich möchte die Allerbeste sein.“

Die Frage, ob die 14-Jährigen auch beim Radfahren spielen, hat Erika Glamann schon geklärt: Sie tun es nicht, laufen jetzt aber ohnehin lieber. „Und wie viele Stunden verbringt ihr damit täglich?“ Höchstens zwei, sagt Lisa Gercken, und sie sei sowieso viel mit dem Hund unterwegs. „Bis der Akku platt ist oder ich nichts mehr finde“, sagt Lisa Rakotonanahary.

„Pokémon Go“ sei „echt faszinierend“, sagt Erika Glamann, deren geliehenes Handy längst aufgegeben hat: „Ich kann verstehen, warum man süchtig wird.“ Jetzt müsse sich ihr Mann wohl die App auf sein Handy laden.

Derweil grüßt Lisa Gercken wieder einmal vorbeigehende Jugendliche, die den Blick fest auf dem Handy haben: „Pokémon Go‘?“ – „Ja!“ – „Yeah!“.

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erstellt am 21.Jul.2016 | 05:00 Uhr

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