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Norddeutsche Rundschau

09. Dezember 2016 | 04:59 Uhr

Mobbing? Nicht mit mir!

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Präventions-Polizistin spricht mit Schüler der Handelslehranstalt Neumann

„Das muss aufhören!“, sagte sich Marlene F.*, als ihre Peinigerinnen zu körperlicher Gewalt übergingen. Monatelang sei sie gehänselt, verspottet, um Geld erpresst worden, Lügen seien über sie verbreitet worden und sie habe aus Angst die Schule geschwänzt, konnte nachts kaum schlafen, fing an, sich die Arme zu ritzen. Als die Schulschwänzerin von der Polizei aufgegriffen wurde, kam das ganze Elend zutage. Sie habe dann Wohnort und Schule gewechselt und fühle sich endlich wieder sicher.

Diesen Verlauf bestätigt Stefanie Wasmundt, die im Sachgebiet „Prävention“ der Polizeidirektion Itzehoe tätig ist, als typisch für Mobbing. Eine große Rolle spielten schon am Anfang die digitalen Medien: War Mobbing früher meist auf eine Schule begrenzt, würden sich heute Nachrichten und Fotos schnell unter den Schulen verbreiten. Ein Schulwechsel helfe deshalb oft nicht weiter.

Hinzu komme, dass Cybermobbing keine zeitliche Begrenzung habe, betont die Präventionsbeamtin. Früher hätten Mobbingopfer an Schulen sich zumindest Zuhause sicher fühlen können – heute ermöglichen Internet und Handy die Verbreitung von Beleidigungen und Gerüchten rund um die Uhr.

Häufig sei Neid eine Ursache für Mobbing. Aber auch Menschen mit Handicap könnten leicht Opfer werden, weil sie sich oft schon äußerlich von anderen unterscheiden. Wenn Menschen wegen sozialer Hintergründe ausgegrenzt werden, zum Beispiel aufgrund sexueller Neigung oder ethnischer Zugehörigkeit, spricht man vom Sündenbock-Phänomen.

Mobber fühlten sich stark und mächtig, wenn sie andere klein machen, und viele Mitläufer machten nur aus Angst mit, selbst Opfer zu werden, stellt Stefanie Wasmundt fest.

Grundsätzlich komme Mobbing in allen Altersstufen vor, besonders jedoch zwischen zwölf und 35 Jahren. Die Häufigkeit und die Motivation für Mobbing hingen mit der jeweiligen Lebenssituation zusammen: Für Zwölf- bis 17-Jährige sei es besonders wichtig dazuzugehören, ein Viertel aller in 2014 erfassten Mobbingfälle sei auf das Konto dieser Altersgruppe gegangen. Mit 41 Prozent komme Mobbing allerdings bei den 18- bis 20-Jährigen weitaus häufiger vor. Bei höheren Altersgruppen lasse die Häufigkeit von Mobbing allmählich nach, sei aber nach wie vor auch präsent.

Die Entstehung von Mobbing zu verhindern, sei sehr schwer, betont die Präventionsfachfrau. Deutschland habe, im Gegensatz zum Beispiel zu Frankreich und Schweden, kein Antimobbinggesetz und daher weder in Firmen noch an Schulen Antimobbingstellen. Immerhin stünden die an vielen Schulen eingesetzten Konfliktlotsen bzw. Streitschlichter auch im Mobbingfall als Ansprechpartner zur Verfügung.

Den Weg zur Polizei sollten Mobbingopfer nicht scheuen, so Wasmundt, denn: Äußerungen wie „Ich stech’ dich ab, du Nutte“ erfüllen den Straftatbestand der Beleidigung und Bedrohung und könnten daher zur Anzeige gebracht werden. Gleiches gelte für Fotos, die ohne Wissen bzw. Einverständnis des Betroffenen in der Umkleide, auf der Toilette oder in der Wohnung gemacht werden: „Die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches ist strafbar“, so Wasmundt. „Auch die Herstellung, Verbreitung und das Stellen von Bildern ins Internet stehen unter Strafe, wenn keine Einwilligung vorliegt“, erläutert sie, „denn jeder hat das Recht am eigenen Bild.“

Die engagierte Polizeibeamtin rät Betroffenen, unbedingt aktiv gegen Mobbing vorzugehen: Den Tätern Grenzen aufzuzeigen und Mitschüler, Lehrer und die Familie als Verbündete ins Boot zu holen, könne oft schon sehr helfen. Nicht zuletzt öffne auch eine Strafanzeige bei der Polizei manchem Mobber und Mitläufer die Augen, weiß Wasmundt zu berichten.

Hilfe und Unterstützung finden Mobbingopfer unter anderem beim Kinder- und Jugend-Nottelefon (04821/69555) sowie der bundesweit bekannten „Nummer gegen Kummer“ (0800/1110333), die auch Eltern unter 0800/1110550 Rat und Unterstützung anbietet. Das Kinderhaus „Blauer Elefant“ ist unter 04821/3731 erreichbar. Bei mit Mobbing verbundenen Schulproblemen könne zudem der Schulpsychologische Dienst kontaktiert werden. Und wer lieber mit Gleichaltrigen sprechen möchte, könne dies über die Internetseite www.juuuport.de tun, dort beraten Jugendliche.

Wir danken Stefanie Wasmundt sehr für das ausführliche Interview und die vielen Informationen, die sie zu diesem wichtigen Thema zusammen getragen hat, denn nach unseren und ihren Erfahrungen ist Mobbing leider mitten unter uns. Und wer weiß, wie er sich dagegen wehren und wo er Hilfe bekommen kann, ist besser geschützt.

* Name geändert


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erstellt am 28.Apr.2016 | 08:47 Uhr

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