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Norddeutsche Rundschau

11. Dezember 2016 | 09:04 Uhr

Flüchtlingshilfe : „Mittlerweile kann ich es schaffen“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Renate Wittern (76) ist seit gut einem Jahr ehrenamtliche Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Itzehoe – ein Interview.

Flüchtlingsarbeit ist für viele Ehrenamtler zum Vollzeit-Job geworden. Haben Sie überhaupt noch ein Privatleben?

Ein Privatleben habe ich schon, aber trotzdem schalte ich manchmal nicht richtig ab. Nachts kommen mir dann Gedanken zu Dingen, die ich regeln muss oder die mich betroffen gemacht haben.

Der Flüchtlingsstrom hat zwar im Moment etwas nachgelassen, aber ein Ende ist nicht in Sicht. Ist das nicht frustrierend?

Es ist unsere Aufgabe, auch wenn viele Flüchtlinge kommen, möglichst allen zu helfen. Ich denke, das haben wir auch ziemlich gut hinbekommen. Wir haben beispielsweise Paten für Flüchtlinge, insbesondere für die Familien, vermitteln können, die sich sehr intensiv kümmern. Und es ist auch schon vorgekommen, dass Paten gesagt haben: „Wir haben unsere Flüchtlinge jetzt in die Selbstständigkeit entlassen. Wir können wieder eine neue Familie betreuen.“ So soll es eigentlich auch sein.

Also ist die Herstellung der Selbstständigkeit der Flüchtlinge das Ziel, das Sie sich selbst stecken?

Ja, denn Selbstständigkeit bedeutet auch Integration.

Was sind denn die größten Probleme bei der Integration?

Das größte Problem ist nach wie vor die Sprache. Die meisten Flüchtlinge sind da allerdings sehr engagiert. Manche gehen nicht nur zum offiziellen Integrationskurs oder zum Sprachkurs am RBZ, sondern zusätzlich zur Caritas, wo sie freiwillig Unterricht nehmen, und viele haben sogar noch einen deutschen Freund oder Paten, der sie auch noch beim Lernen unterstützt.

Wie steht es um die Integration der Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt: Ist die lokale Wirtschaft sensibilisiert für das Thema?

Es gab bereits verschiedene Veranstaltungen von Wirtschaftsvertretern, weitere sind geplant. Viele Unternehmer sind sehr offen. Ein Problem ist aber, dass die bürokratischen Hürden bei der Einstellung von Flüchtlingen recht hoch sind.

Sind Ihnen denn bereits Flüchtlinge bekannt, die in Itzehoe eine Arbeit gefunden haben?

Ja, ich weiß zum Beispiel von einer Friseurin und einer Fotografin, die Arbeit oder eine Lehrstelle gefunden haben. Viele weitere Flüchtlinge machen Praktika. Oft helfen die Paten erfolgreich bei der Vermittlung.

Was war der Fall, der Sie am meisten bewegt hat?

Kürzlich kam ich zu einer Familie, die in unmittelbarer Nähe zur Tafel wohnt. Allerdings berichtete der Vater, dass er bewusst nicht mehr zur dortigen Essensausgabe gehe. Es gebe dort inzwischen so viele Bedürftige. Er wisse mittlerweile, wo er günstig einkaufen könne. Die Tafel wolle er lieber anderen überlassen. Es hat mich unwahrscheinlich berührt, dass jemand so denkt.

Wie erleben Sie den Rückhalt der Itzehoer Bevölkerung für Ihre Flüchtlingsarbeit?

Nur positiv. Ich habe noch nicht ein schlechtes Wort gehört. Viele bestätigen die Flüchtlingshelfer in ihrer Arbeit. Viele engagieren sich in einem hohen Maße, jeder auf seine Weise. Und dafür gebührt den Itzehoern wirklich ein großer Dank.

Ist Ihre Aufgabe als Flüchtlingsbeauftragte nicht eigentlich eine hauptamtliche Tätigkeit?

Von der Stadt ist nicht vorgesehen, eine hauptamtliche Stelle zu schaffen. Das erste Dreivierteljahr war recht anstrengend, weil in kurzer Zeit viele Paten gefunden, Spenden vermittelt und Netzwerke aufgebaut werden mussten. Mittlerweile ist das Arbeitspensum so, dass ich es gut schaffen kann.

Also hat sich Ihre Arbeit im Laufe des ersten Jahres auch verändert?

Ja, viele Aufgaben konnte ich mittlerweile abgeben. Beispielsweise habe ich anfangs noch selbst Fahrradspenden vermittelt. Das übernehmen mittlerweile die Fahrradwerkstätten der beiden Familienzentren und des Regionalen Berufsbildungszentrums. Auf der anderen Seite sind viele neue Aufgaben hinzugekommen, die sich nach und nach ergeben haben.

Was wünschen Sie sich, um weiterhin erfolgreich arbeiten zu können?

Wir suchen weiter Leute, die sich als Paten engagieren – vor allem für junge Männer. Jeder kann dabei selbst bestimmen, wie viel Zeit er investieren möchte und wie er das mit seinen Interessen verbinden kann. Außerdem wünsche ich mir, dass die Itzehoer Nachsicht üben. Schimpfen Sie nicht über die Flüchtlinge, sondern reden Sie mit Ihnen und sprechen Sie Probleme offen an!

>Ein Café für Flüchtlingspaten und Interessierte, die es werden wollen, bietet Renate Wittern jeden dritten Donnerstag im Monat ab 16 Uhr im Restaurant Himmel + Erde an. Dort besteht die Möglichkeit, sich zwanglos auszutauschen.

>Kontakt: 04821/603-240.


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erstellt am 19.Apr.2016 | 14:00 Uhr

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