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Geschichte in Wilster : Mit Zeitzeugen auf Zeitreise

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Gemeinschaftsschüler aus Wilster verfolgen gespannt die Lebensgeschichten der älteren Generation. Das Flüchtlingsthema ist aktueller denn je.

Was Selma Steenbuck zu erzählen hat, liegt 70 Jahre zurück. Und dennoch klingt es bedrückend aktuell. Entsprechend aufmerksam verfolgen die Schüler des 9. Jahrgangs der Gemeinschaftsschule auch ihre Lebensgeschichte von Flucht und Vertreibung. Die heute 74-Jährige ist eine von sechs Zeitzeugen, die der jungen Generation von heute die Erlebnisse der alten Generation von damals nahebringen. Für die Schüler sind die authentischen Erzählungen so spannend, dass sie erstmals sogar Videoaufzeichnungen machen, um die Aufnahmen auch in anderen Klassen zu zeigen.

Zum fünften Mal organisiert die Gemeinschaftsschule das Zeitzeugenprojekt, das auf eine Anregung aus dem Kinder- und Jugendparlament zurückgeht. Für die Gesprächspartner sorgt der Seniorenbeirat. Für Schulleiterin Marlis Krumm-Voeltz ein hervorragendes Beispiel für eine generationenübergreifende Zusammenarbeit. Und für die Schüler eine einmalige Gelegenheit, Zeitgeschichte aus erster Hand zu erleben.

Die gespannte Ruhe an den sechs meist vollbesetzten Tischen in der Mensa zeigt: Viele Schüler saugen die Informationen regelrecht auf. Lehrerin Natascha Böhnisch weist am Rande daraufhin, dass die Veranstaltung im Unterricht vorbesprochen worden sei und dann auch nachbereitet werde. Bei einem kurzen Rundgang schnappt man Wortfetzen auf. Berend Kloppenburg berichtet von seiner Jugend in der Mühlenstraße und seiner Zeit im Jungvolk. Und freimütig davon, dass seine Eltern Nazis gewesen seien. Karl-Wilhelm Steenbuck beschreibt seine Kindheit auf einem Bauernhof. Und Gustav Hintz wie seine Familie bei der Vertreibung „noch bis auf das das letzte Hemd ausgeplündert“ worden sei. Ein Tisch weiter sitzt Friedrich Meier, der von russischer Gefangenschaft erzählt und davon, dass er wohl nur überleben konnte, weil ihm die Arbeit im sibirischen Bergwerk erspart geblieben war und er Sanitätsdienst schieben konnte. Der Ur-Wilsteraner Otto Andresen präsentiert derweil seine Volksschul-Zeugnisse, die mit Interesse studiert werden. „Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtiger denn je, von Krieg und Vertreibung zu hören“, weiß Maren Hayenga vom Sozialausschuss. „Hier können wir ungefiltert Erlebnisse aus den Jahren 1945 bis 1948 hören“, eröffnet Diethard Kuhnke vom Seniorenbeirat den Erzählmarathon.

Dass eine kriegs- und krisenbedingte Völkerwanderung nicht nur keine Erfindung der Neuzeit ist, sondern über Jahrhunderte gesehen auch viele Deutsche traf, macht Selma Steenbuck an ihrer Familiengeschichte deutlich. Einst hatte die deutschstämmige russische Zarin Katharina die Große 2,5 Millionen Deutsche mit der Aussicht auf ein gutes Leben in die Ukraine gelockt. „Auch mein Urgroßvater war dabei.“ Die tüchtigen Einwanderer seien aber von den ortsansässigen Eliten immer argwöhnischer beäugt und am Ende mit Restriktionen belegt worden. „Als Ergebnis wanderten viele nach Amerika aus, das damals als das gelobte Land galt. Meine Familie blieb aber da.“ Im ersten Weltkrieg sei es dann bei den ungeliebten Deutschen zu Enteignungen und Zwangsverschickungen nach Sibirien gekommen. Die zweite Auswanderungswelle folgte, bevor die deutsche Wehrmacht auch die Ukraine überrollte. Ergebnis: „Alles, was blond und blauäugig war, wurde – zum Teil zwangsweise – zur SS eingezogen.“ Selma Steenbucks Vater wurde in Stalingrad eingesetzt.

Ihre Erinnerung reicht bis ins dritte Lebensjahr zurück, vieles weiß sie aber aus Erzählungen innerhalb der Familie. So berichtet Selma Steenbuck, wie plötzlich ihr Großvater erschienen sei und sie innerhalb von einer halben Stunde packen und flüchten mussten. „Von da an waren wir Flüchtlinge. Wir wollten nach Nordwesten ans Meer, um schnell wegzukommen.“ Dass es nicht schnell genug ging, hat ihr vielleicht das Leben gerettet. Als die Familie an der Küste eintraf, sah sie vom rettenden Schiff nur noch die Rücklichter. Es waren die Positionslampen der Wilhelm Gustloff, die kurz darauf mit 2000 Menschen an Bord von einem russischen U-Boot torpediert wurde und sank. Der weitere Weg führte über Land, mit Übernachtung in Erdlöchern und kaum vorstellbaren Entbehrungen. Die Flucht endete schließlich in Bad Oldesloe – „wo man als Flüchtling und Pollacke aber auch nicht willkommen war“. Alle, die so etwas erlebt hätten, so Selma Steenbuck, hätten ein Trauma mitgebracht. Der einzige, aber auch wesentliche Unterschied zu den Flüchtlingen von heute: „Wir hatten keine Sprachprobleme. Die Menschen, die heute zu uns kommen, sind ja entwurzelt.“

Auf die Schüler machen die Erzählungen sichtlich Eindruck. Zum Teil blickt man in betroffene Gesichter. Otto Andresen hat am Ende aber auch eine gute Botschaft: „Es war früher natürlich nicht alles nur schlecht.“

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erstellt am 08.Apr.2017 | 05:16 Uhr

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