zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

06. Dezember 2016 | 15:14 Uhr

Wirtschaft : Mit Salpetersäure auf Fehlersuche

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Isit-Mitarbeiter Benjamin Karstens überprüft Elektro-Bauteile auf ihre Funktionsfähigkeit / Brandneue Produkte liegen auf seinem Tisch

Innovationsraum? Das sind die Gebäude hinter der Autobahnbrücke an der Abfahrt Itzehoe-Nord. Mehr wissen die meisten nicht über die boomende Hightech-Region der Stadt. In loser Folge stellen wir Beschäftigte und ihre Arbeitsfelder vor.

Zunächst der blaue Schutzumhang. Dann zieht Benjamin Karstens dicke Handschuhe an, greift unter der weit heruntergezogenen Scheibe hindurch in den Abzug und füllt Salpetersäure in ein Becherglas. Es qualmt leicht – das wolle man nicht auf der Haut haben, sagt der 28-Jährige. Für ihn ist der Umgang mit solchen Substanzen normal: Der Itzehoer prüft Bauteile im Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie (Isit).

Karstens arbeitet in der Abteilung Modulintegration, Aufbau- und Verbindungstechnik. Und das von Anfang an: Nach dem Abschluss an der damaligen Wolfgang-Borchert-Realschule jobbte er zunächst, bewarb sich parallel für Ausbildungen. Dann stieß er auf die Möglichkeit, im Isit ein Praktikum zu machen. „Ursprünglich war gar kein Langzeit-Praktikum geplant“, sagt Karstens. „Aber ich war so begeistert – und die wohl auch von mir.“ Ihm wurde eine Ausbildung angeboten als Werkstoffprüfer, Fachrichtung Halbleitertechnik. Der Itzehoer griff zu, brauchte nur drei statt der vorgesehenen dreieinhalb Jahre, war Landesbester und auf Bundesebene ebenso weit vorn wie innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft. Nach einem Jahr Arbeit ging es weiter mit dem Besuch der Technikerschule. Jetzt ist Karstens staatlich geprüfter Techniker, Fachrichtung Mechatronik, und das weiter in derselben Abteilung: „Ich fühle mich hier heimisch.“

Dort untersucht er elektronische Komponenten, vom kleinen Chip bis zum ausgewachsenen Gerät. Wie ist die Qualität? Wie steht es um die Zuverlässigkeit? Ist es ein Original-Bauteil oder womöglich eine Nachahmung? Funktioniert alles? Und oft auch: Warum funktioniert etwas nicht? Die Fragen sind immer dieselben, die Aufgabe aber ist jedes Mal neu. „Die Technologie-Firmen müssen sich ständig neu erfinden“, sagt Karstens. „Davon profitieren wir.“ Viele Aufträge kommen aus dem eigenen Haus, noch mehr aber von den Partnern aus der Industrie. Und bei mindestens der Hälfte der Teile gehe es darum, den Fehler zu finden.

Dafür hat die Abteilung verschiedene Arbeitsgruppen, Karstens ist in der Werkstoffkunde tätig. Mit der Salpetersäure ätzt er den Kunststoff von einem Chip, um diesen begutachten zu können – ein typisches Problem seien fehlerhafte Verbindungen auf dem Chip oder ihre unsachgemäße Handhabung. Sehr viele Untersuchungsmethoden stehen zur Verfügung, entsprechend breit ist die Palette der Geräte: vom Schraubstock bis zum Röntgenapparat und Computertomographen. Manchmal bleibt das Bauteil bei der Untersuchung heil – was erstaunlicherweise für den Säure-Einsatz in der Regel gilt –, manchmal wird es auch zerstört, zum Beispiel dann, wenn es zersägt, in Epoxidharz gegossen, geschliffen und für die genaue Betrachtung unter dem Mikroskop vorbereitet wird. Ein häufiger Fehler ist eine nicht intakte Lötverbindung.

Die zu prüfenden Teile kommen aus allen Bereichen der Industrie, von der Auto- über die Luft- und Raumfahrtbranche bis zur Medizintechnik. Selten gehe es um Endkunden-Geräte wie beispielsweise Handys, sagt Karstens. Meist könne der Kunde den Fehler schon eingrenzen, „das macht es uns einfacher“. Mit seinen Geräten und dem Knowhow habe das Isit aber ein Alleinstellungsmerkmal, denn für die Firmen lohne sich die Investition in eigene Prüfvorrichtungen nicht.

Inzwischen ist Karstens selbst Ausbilder. Was Lehrlinge mitbringen müssten? Technologiebegeistert müssten sie sein, sagt der 28-Jährige, der das in seiner Freizeit vor allem beim Geocaching auslebt. Weitere Voraussetzung: Offenheit für Neues. „Das Gute ist, dass man ständig neue Sachen in die Hände bekommt, die teilweise noch gar nicht auf dem Markt sind.“ Als Praktikant sei er dabei gewesen, als das damals hochmoderne Motorola-Klapphandy Razr zersägt wurde. Das heißt aber auch: absolute Verschwiegenheit. Welche Bauteile genau er analysiert, darüber darf Benjamin Karstens nicht reden.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 27.Jul.2016 | 17:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen