zur Navigation springen

Norddeutsche Rundschau

26. September 2016 | 07:21 Uhr

Freiwilliges jahr : Mit der Geige nach Kolumbien

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Jun-Ying Poon (18) aus Itzehoe unterstützt in Cali ein Orchesterprojekt für junge Menschen. Mit Straßenmusik sammelt er derzeit Spenden.

Eine Weltkarte hängt in Jun-Ying Poons Zimmer an der Wand, daneben Poster von New York und San Francisco. In den vergangenen Wochen sind einige Bilder hinzugekommen: Sie zeigen kolumbianische Tal- und Berglandschaften, die Hochhäuser einer Mega-Stadt und die Blechhütten eines Slums, über die eine Seilbahn hinwegschwebt. Ansichten, an die sich der 18-jährige Itzehoer in nächster Zeit gewöhnen muss: Ende September bricht er für ein Jahr in das südamerikanische Land auf, um als Freiwilliger in einem Orchesterprojekt für sozial Benachteiligte mitzuarbeiten.

Begleiterin auf seiner großen Reise wird seine Geige sein, die der junge Musiker nur selten aus der Hand legt. Während des Interviews liegt sie griffbereit neben dem Schreibtisch. Seit der dritten Klasse spielt er das Streichinstrument, ist stellvertretender Konzertmeister im Itzehoer Kammerorchester und seit kurzem auch in den Landesjugendorchestern in Hamburg und Schleswig-Holstein aktiv. Schon in Kürze wird er diese Ämter aufgeben müssen. „Das ist einerseits schmerzlich, aber andererseits freue ich mich darauf, viel Neues kennenzulernen.“

Jun-Yings neue Heimat wird ein sozial schwaches Viertel der drittgrößten kolumbianischen Stadt Cali sein. „Dort gibt es sehr viel Armut und Kriminalität.“ Das Orchesterprojekt, das von einer Stiftung ins Leben gerufen wurde, soll Menschen zwischen 8 und 18 Jahren eine Perspektive geben. „Denn wer eine Geige hält, hat keine Waffe in der Hand“, zitiert Jun-Ying einen der Leitsprüche. Als Lehrer und Assistent der Dirigenten könne er sich dort jeden Nachmittag engagieren. Vormittags werde er an einer benachbarten Schule Englisch- und Informatikunterricht geben, sagt er und zeigt auf dem Laptop Bilder auf seiner Homepage. Die Internetseite hat er selbst programmiert. IT sei sein zweites großes Hobby.

Eigentlich möchte Jun-Ying einmal Wirtschaftsinformatik studieren. „Doch dafür ist es jetzt noch ein bisschen früh“, findet der 18-Jährige, der gerade am Sophie-Scholl-Gymnasium sein Abitur abgelegt hat. „Ich möchte die Gelegenheit nutzen und mich engagieren.“ Von vornherein habe er sich Kolumbien als Ziel für sein Auslandsjahr ausgeguckt. „Es ist eines der Länder, in denen die Armut weltweit am größten ist. Außerdem sollen die Kolumbianer sehr gastfreundlich sein.“

Bei der Frankfurter Organisation „Schule fürs Leben“ besuchte Jun-Ying einige Vorbereitungsseminare, begann Spanisch zu lernen und verschaffte sich einen Überblick über die südamerikanische Kultur. Dass die Sicherheitslage in seinem Gastland angespannt ist, sei ihm durchaus bewusst, Angst habe er aber nicht: „Die Wahrscheinlichkeit zu sterben ist sehr gering – das habe ich mir ausgerechnet“, sagt er ganz trocken und sachlich. Auch seine Mutter, mit der er schon mehrere Reisen in ihre Heimat Taiwan gemacht hat, ist beruhigt: „Ich finde es gut, dass mein Sohn die Gelegenheit nutzt, einen anderen Teil dieser Welt kennenzulernen. Das Projekt ist wie für ihn gemacht, er kann all seine Talente einsetzen.“

Bis zur Abreise bleibt für den Itzehoer noch einiges zu tun: Sein Spanisch will er weiter verbessern, der Koffer muss gepackt werden und nicht zuletzt muss Jun-Ying noch Spendengelder sammeln. Rund 10 000 Euro kostet sein Aufenthalt inklusive Reise. Drei Viertel davon werden aus dem Projekt „Weltwärts“ des Bundesentwicklungshilfeministeriums getragen, ein Viertel muss er selbst aufbringen. Von Firmen und Bekannten hat er großzügige Zuschüsse erhalten. Den Rest erarbeitet er sich hart: An den Wochenenden macht er mit seiner Geige Straßenmusik in der Hamburger Innenstadt.


> Weitere Informationen hat Jun-Ying Poon auf seiner Homepage www.musicali.de zusammengestellt.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 22.Sep.2016 | 17:20 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen