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Norddeutsche Rundschau

07. Dezember 2016 | 21:19 Uhr

Glückstadt : Mildes Urteil für Tankstellen-Räuber

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vor drei Jahren überfiel ein 32-Jähriger mit einem Freund die Aral-Station und bedrohte Angestellte sowie Kunden. Nun kommt er in eine Fachklinik.

Es war das letzte Kapitel im Fall des Raubüberfalls auf die Aral-Tankstelle am 20.  April 2013. Wegen schweren Raubes verurteilte die große Strafkammer am Landgericht Itzehoe unter Vorsitz von Richter Klaus Emmermann den Angeklagten – einen 32-jähriger Hartz-IV-Empfänger, der in einer Hamburger Notunterkunft lebt. Absitzen muss der 32-Jährige davon keinen Tag. Emmermann ordnete, wie vom psychiatrischen Sachverständigen gefordert, die Unterbringung des alkohol- und drogenkranken Arbeitslosen für zwei Jahre in einer Fachklinik an.

Für Strafmilderung sorgte ein Gutachter. Denn er attestierte dem Angeklagten, der zur Tatzeit unter Alkohol- und Heroineinfluss stand, eine deutlich verminderte Schuldfähigkeit. Eigentlich beträgt die Mindeststrafe für schweren Raub fünf Jahre. Als ,,launisch, eigensinnig und trotzig“ sortierte der Psychiater den Hamburger ein.

Sein Mittäter, ein 24-jähriger Hamburger, kam im Januar 2016 vor derselben Strafkammer mit zwei Jahren Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung davon. Allerdings hätte es ohne dessen späte Selbstanzeige den Prozess gar nicht gegeben, weil die Staatsanwaltschaft den Fall bereits zu den Akten gelegt hatte. Der 24-Jährige setzte seinem alten Leben mit der Selbstanzeige einen Abschluss, lebt heute mit fester Arbeit, drogenfrei und Familie in Hamburg.

Ob der 32-Jährige diese drei Dinge auch einmal erreicht, bleibt fraglich. Zwei laufende Bewährungen, 17 Vorstrafen von Schwarzfahren über Körperverletzung, Sachbeschädigung, Diebstahl, Betrug bis hin zu Raub und versuchter räuberischer Erpressung hatte der 32-Jährige zur Tatzeit bereits auf dem Kerbholz. Zwei kamen 2014 (Diebstahl) und 2015 (Schwarzfahren) noch hinzu. Sie wurden ins aktuelle Urteil einbezogen.

Seit seinem 15. Lebensjahr ist der dreifache Familienvater Stammkunde bei Gericht. Gewalt bestimmte seine Kindheit, der Vater Trinker, der Stiefvater wenig besser, die Mutter hat vier Väter zu ihren vier Kindern. Mit 13 Jahren begann im Hamburger Hochhausghetto Steilshoop die Drogenkarriere, mit 15 kam der Alkohol hinzu. Die Schule hatte er ohne Abschluss verlassen. Trotzdem schaffte er eine Kochlehre und erwarb so indirekt auch den Hauptschulabschluss.

Mit 21 heiratete der gebürtige Pole eine Landsfrau. Schlecht behandelt habe er seine Frau, das weiß er heute, das sagte er selbst vor Gericht. Anfang 2013 lebte er schon in Trennung. Heute ist die Ehe geschieden. Dennoch sei er täglich bei Ex-Frau und Kindern, in der Flüchtlingsunterkunft übernachte er lediglich. Alkohol trinke er heute nur noch gelegentlich, vom Heroin sei er ganz weg, kiffen täte er noch um abends runterzukommen. Dass er eine strenge Langzeittherapie braucht, ist ihm völlig klar. Der 32-Jährige will die auch. Fünf Entzüge brachten nichts, eine erste Langzeittherapie brach er ab.

Seitens der Tat ging es um den Überfall auf die Aral-Tankstelle 2013. Bewaffnet mit Küchenmessern forderte der 24-Jährige die damals 33-jährige Kassiererin auf, die Kasse zu öffnen, während der 32-Jährige zwei Kundinnen in Schacht hielt. Die Kassiererin aber schubste den 24-Jährigen damals weg und drückte den Alarmknopf. Auf der Flucht griff sich der 32-Jährige die Tasche einer Kundin (66), in der sich 1450 Euro befanden. Der 24-Jährige kaufte davon vor allem Nahrungsmittel und Dinge für sich und seine kleine Familie, der 32-Jährige kaufte davon Drogen.

Richter Emmermann glaubte ihm dennoch seinen Willen zur Therapie, sagte: ,,Er möchte seine letzte Chance ergreifen um seine Familie, an der ihm sehr viel liegt, noch zu retten.“

Mit dem Urteil eröffnete die Kammer dem 32-Jährigen dazu eine Chance. ,,So kann der Angeklagte direkt in die Anstalt gehen, und wenn er das alles gut und vernünftig durchläuft, dann mit der Halbstrafenverbüßung ohne einen Tag im Gefängnis verbracht zu haben, entlassen werden“, sagte Emmermann abschließend.

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