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Landwirtschaft : Milchbauern rufen Politik um Hilfe

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Bei einem privaten Besuch auf dem Hof Rehder in Averfleth beri Wilster hört sich Ministerpräsident Torsten Albig die Sorgen der Marsch-Landwirte an.

Es hatte ein bisschen was von einem Kaffeeplausch mit einem netten Nachbarn – wenn auf dem Hof nicht drei schwere schwarze Limousinen und in der Küche nicht gut gelaunte Body Guards gesessen hätten. Und wenn Bäuerin Gaby Rehder zuvor nicht mitten in der Nacht einen verzweifelten Brief an die Kieler Staatskanzlei geschrieben hätte. Die Antwort kam prompt und bescherte dem Hof Rehder in Averfleth einen höchst prominenten Besucher. Auf dem Weg zum politischen Aschermittwoch in Marne machte Ministerpräsident Torsten Albig in Neuendorf-Sachsenbande Station, um sich die Sorgen und Nöte der Milchbauern aus der Wilstermarsch anzuhören.

In den Stunden zuvor hatte Familie Rehder Haus und Hof gewienert. Vor allem der Hausherrin war die Aufregung anzumerken. Schließlich hat man nicht jeden Tag so hohen Besuch. In der guten Stube ging es dann aber schnell zur Sache. „Ich bewundere Ihren Mut und Ihre Durchhaltefähigkeit“, zeigte sich der Ministerpräsident gut informiert. Ihm, so bekannte er, sei es ein Rätsel, wie die Landwirte angesichts der Niedrigpreise bei der Milch auf ihren Höfen finanziell noch klar kämen. „Wie das geht, konnte mir auch noch keiner wirklich erklären.“ Albig äußerte „große Sorge“, dass mit sterbenden Höfen ein wichtiges Stück schleswig-holsteinischer Kultur wegbreche.

„Wir brauchen eine radikale Komplettveränderung bei den Förderinstrumenten“, ließ Albig am Handlungsbedarf keinen Zweifel. Allerdings hatte sich auch offenbar schon bis zur Staatskanzlei herumgesprochen, dass die Interessenvertretungen der Landwirte nur schwer auf einen Nenner kommen. Während in der Wilstermarsch Bauernverband und Bund Deutscher Milcherzeuger (BDM) seit langem an einem Strang ziehen, herrscht auf Landes- und Bundesebene Eiszeit. Albig attestierte dem Bauernverband eine wohl „zu naive Marktsicht“, wenn dieser allein darauf setze, dass der Markt es schon richten werde. Er fügte hinzu: „So wie der Bauernverband über den BDM redet, rede ich nicht mal über die CDU.“

Die Milchbauern nicht nur aus der Wilstermarsch fordern seit langem ein Krisenmanagement, das eine ungezügelte Produktion stoppt und damit für auskömmliche Erzeugerpreise sorgt. „Die Politik muss – in welcher Form auch immer – eine Obergrenze schaffen. Die Landwirte selbst werden die Mengen von sich aus nie begrenzen“, kennt der Ecklaker Dirk Bade seine Pappenheimer. Der Brokdorfer Jörg Schmidt pflichtete bei: „Wir brauchen die Politik, die sagt: Das ist der richtige Weg.“ Und Heiko Strüven aus Aebtissinwisch betonte: „Wir wollen gar keine staatlichen Hilfen. Wir wollen melken und das Geld nur mit unserer Hände Arbeit verdienen.“

Die versammelten sechs Milchbauern machten dem Ministerpräsidenten dabei vor allem klar, dass sie als Milcherzeuger am wenigsten Einfluss auf Entwicklungen und Preise hätten. „Für mich als Sozialdemokraten ist eine Genossenschaft doch ein tolles System“, hakte Albig beim Thema Meiereien nach. Antwort der Bauern: Gegen die Experten und Funktionäre dort habe man als Basis keine Chance. Strüven berichtete von Überlegungen, eine Weidemilch auf den Markt zu bringen, um so deutlich zu machen, dass die Kühe auf Wilstermarschhöfen noch in den Genuss frischen Grünlands kommen. Aber, so Strüven, nicht einmal der Begriff Weidemilch sei geschützt. „Wir greifen nach jedem Strohhalm“, warf Hausherr Henning Rehder ein.

Ein möglicher Ansatz, so ließ Albig erkennen, könne sein, die Bauern in Schleswig-Holstein zu Bewahrern unserer Kulturlandschaft und damit unserer Heimat zu erklären. Er weiß aber auch: „Da gibt es vom Bauernverband heftigsten Widerstand.“ Vielleicht, so regte er an, könne man ja über gute Fleischpreise einen Ausgleich schaffen. Heiko Strüven: „Dann müssen wir intensiv füttern. Und das wollen wir ja auch nicht.“ Und große Hoffnungen auf eine europaweite Lösung wurden ohnehin gleich wieder verworfen. „Wenn ich als Ministerpräsident einen EU-Kommissar sprechen will, dauert es drei Tage bis ich durchgestellt werde“, sieht Albig hier nur äußerst geringe Einflussmöglichkeiten.

Hellhörig wurde er dann aber bei dem Hinweis, dass vielleicht doch an den Stellschrauben der Förderinstrumente gedreht werden könnte. Von Landwirt Jörg Schmidt kam nämlich die Anregung, Förderungen daran zu koppeln, dass sich die Tiere auch wirklich auf den Weiden tummeln. Genau dies ist nämlich der Bereich, in dem die Region punkten kann. Die Bauern machten Albig dabei auch klar, dass es vor allem in der Marsch keine Alternative zur Milchviehhaltung und dies möglichst in überschaubaren Familienbetrieben gebe.

Schließlich hatte Torsten Albig für die Landwirte noch die tröstliche Aussage, dass „die rot-grüne Landesregierung in diesem Punkt sehr nah bei Ihnen ist.“ Auch er wolle nämlich kein anderes Schleswig-Holstein. Die Wilstermarsch-Bauern auch nicht.

Am Ende freuten sich die Landwirte über die entspannte Gesprächsatmosphäre und über einen Ministerpräsidenten, der ihnen einfach einmal zugehört hat. Jörg Schmidt ist allerdings auch davon überzeugt, dass es auf vielen Betrieben wenige Minuten vor Zwölf ist: „Die nächste Krise wird schon angekündigt und dann stürzen wir wieder ab.“

Da war Albig schon auf dem Weg nach Marne, wo er als Indianer verkleidet in die Bütt stieg. Laut seinem Redemanuskript schwärmte er dort „vom echten Norden als dem weiten Land mit den großen Herden“. Bestimmt meinte er Milchkühe.

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erstellt am 03.Mär.2017 | 17:03 Uhr

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