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Norddeutsche Rundschau

05. Dezember 2016 | 01:33 Uhr

Blick hinter die Kulissen : Maßarbeit für neue Beinkleider

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

In der Reese-Schneiderei in Wilster wird Kleidung angepasst – Sonderwünsche sind dabei an der Tagesordnung

Viele Kunden des Modehauses Reese kennen das Spiel: Die Hose ist schick – nur zu lang, der Anzug sitzt, nur die Arme sind einfach ein Stück zu kurz. Die Kleidungsstücke verschwinden dann hinter den Kulissen und tauchen oft nur eine halbe Stunde später passgenau wieder auf. Das ist keine Zauberei, das ist das Verdienst der mit fünf Frauen besetzten Schneiderwerkstatt. „Service macht unsere Stärke aus. Gerade für auswärtige Kunden kommt es darauf an, dass es keine langen Wartezeiten gibt“, weiß Inhaber Olaf Reese.

Wieviele Hosen hier am Tag so durchlaufen, weiß Dana Crischan spontan nicht. „Sagen wir einfach: Wir sind sehr fleißig.“ Die 60-jährige gebürtige Weißrussin lebt seit 16 Jahren in Deutschland, seit zehn Jahren ist sie Ganztagskraft bei Reese. In ihrer alten Heimat hatte sie einst Modedesign studiert. „Tolles Betriebsklima, toller Chef“, schwärmt sie und arbeitet schon am nächsten Kleidungsstück.

Auch an diesem Nachmittag geht es in der Schneiderwerkstatt fast wie in einem Taubenschlag zu. Alle paar Minuten steht eine Mitarbeiterin mit dem nächsten Kleidungsstück in der Tür. Ob der Anzug noch kurzfristig fertig gemacht werden kann? Heike Klein reagiert angesichts der prallvollen Auftragslage erst etwas skeptisch. Auch sie ist schon seit elf Jahren bei Reese. „Der wird bei einer Trauung gebraucht.“ Das Argument zieht. Da bleibt man notfalls auch gerne mal ein bisschen länger. Dana Crischan ist die einzige Vollzeitangestellte, Heike Klein und eine Kollegin sind mit je 30 Wochenstunden dabei. Bei Bedarf gibt es noch zwei 400-Euro-Kräfte. Eine weitere Kollegin sorgt in der Filiale in Brunsbüttel dafür, dass auch bei der Kundschaft dort alles passt. Sie alle haben das Schneiderhandwerk von Grund auf erlernt, heute in seiner Grundform eine fast schon aussterbende Berufsgattung.

Und wieder kommt eine fabrikneue Hose rein. Meist reicht eine halbe Stunde, und der Kunde kann sein neues Beinkleid mitnehmen. Bei Anzügen mit erheblichem Änderungsbedarf dauert es natürlich etwas länger. Trotz eines umfangreichen Sortiments auch mit zahlreichen Zwischengrößen: Bei geschätzt jedem vierten Kleidungsstück gibt es einen Änderungsbedarf. „Richtig schwierige Teile gibt es nicht. Dafür sind wir zu erfahren“, wirft Dana Crischan auf eine entsprechende Frage ein – und widmet sich schnell dem Wegbügeln von unerwünschten Falten.

Beim Hinausgehen fällt noch der Blick auf einen über der Tür angebrachten Spruch: „Ich schmeiße alles hin und werde Prinzessin“, steht dort. Vermutlich gibt es aber auch keine Prinzessin ohne Änderungsbedarf bei der textilen Ausstattung. Ohnehin spricht die gute Laune in der Werkstatt eher dafür, dass die Schneiderinnen wohl auch ohne eine Verwandlung glücklich sind. „Der Spruch gilt auch nur an Hosentagen“, erfährt man noch. Immer dann ist Akkordarbeit angesagt. Der Wilstermarsch-Bewohner mit Idealmaßen für die Bekleidungsindustrie muss eben erst noch geboren werden.

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erstellt am 14.Aug.2016 | 15:24 Uhr

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