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Norddeutsche Rundschau

06. Dezember 2016 | 17:07 Uhr

Interview : „Luthers Befreiung wirkt bis heute nach“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Für Pastor Willfrid Knees ist das Reformationsjubiläum ein Fest der Freiheit. Zum Auftakt spricht er über den Luther-Schüler Heinrich Rantzau.

Herr Knees, am Montag beginnt das Jubiläumsjahr „500 Jahre Reformation“. Wen oder was feiern die evangelischen Kirchen da eigentlich? Die Reformation? Luther? Sich selber?

Luther hat tatsächlich einen ganz großen Schub der Befreiung gebracht, was den persönlichen Glauben angeht. Der Ablasshandel war ein Geschäft mit der Angst, Luthers 95 Thesen waren die erste Antwort darauf. Die erste These beginnt damit, dass man sich nicht freikaufen kann, sondern dass es auf den persönlichen Glauben ankommt. Diese Befreiung wirkt bis heute nach.

Das Jubiläumsjahr ist also ein Fest der Freiheit?

Wenn man es in ein Schlagwort bringen will, könnte man das so sagen. Luther hat befreit zum persönlichen Glauben. Für den einzelnen ist das natürlich auch eine Zumutung: Jeder muss jetzt seinen eigenen Glaubensweg finden und kann sich nicht mehr nur auf die Kirche verlassen.

Streng genommen wird ja nicht ein „Luther-Jahr“, sondern „500 Jahre Reformation“ gefeiert. Steht dennoch zwangsläufig die Person Martin Luthers im Mittelpunkt?

Ja, ich glaube schon, dass er mit seinem Mut einen ganz wichtigen Anfang gesetzt hat. Natürlich gab es eine Vorgeschichte. Ich möchte da unbedingt Jan Hus erwähnen, der fast 100 Jahre vorher in Prag wirkte. Dann ist der schottische Philosoph John Wyclif zu nennen oder der Mystiker Johannes Tauler. Aber Luther war letztlich derjenige, der mit seinen Formulierungen die Kritik zugespitzt hat, obwohl es für ihn um Leben und Tod ging.

Wenn Martin Luther noch einmal zurückkommen würde, wäre er dann mit den heutigen lutherischen Kirchen zufrieden?

Garantiert nicht (lacht). Luther ist ein Mensch des späten Mittelalters. Das, was wir heute tiefenpsychologisch deuten, hat er noch als Teufel gesehen. Im Grunde hat er auch das katholische Abendmahlsverständnis beibehalten. In unserer heutigen Kirche würde er sich also eher fremd fühlen. Allerdings würde er noch einiges wiedererkennen, beispielsweise im Gottesdienstablauf. Und er würde sich besonders freuen an unserer evangelischen Kirchenmusik.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die drängendsten Probleme der lutherischen Kirchen?

Ich glaube, wir sind aufgerufen, nicht nur eine Ökumene zu suchen, die die christlichen Konfessionen überwindet, sondern auch die unterschiedlichen Religionen. Wir sollten Bündnisse suchen mit den Muslimen und mit allen Menschen guten Willens. Verbindend kann das Thema Gerechtigkeit sein. Es ist ein großes Dilemma in unserer Welt, dass es einerseits unermesslichen Reichtum gibt und dass andererseits 25 000 Kinder jeden Tag sterben, weil sie das Wesentliche nicht bekommen.

Sie sprechen die Ökumene an. Bedeutet nicht 500 Jahre Reformation auch 500 Jahre Spaltung großer christlicher Kirchen?

In der evangelisch-katholischen Ökumene hat es aus meiner Sicht schon einen großen Sprung gegeben mit der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999. Beide Seiten sind sich einig, dass Rechtfertigung nur aus Gnade geschieht und haben damit einen wesentlichen Streitpunkt überwunden, den Luther angeprangert hatte.

Wenn wir den Blick auf die Kirchengemeinden richten: Was können sie lernen beim Rückblick auf das Ereignis der Reformation?

Schon in seiner ersten These zitiert Luther das Jesus-Wort: „Tut Buße!“ Buße ist für uns heute oft etwas Finsteres. Letztlich geht es aber darum, dass jeder Mensch in einer Kirchengemeinde die Einladung spürt: Hier ist ein Ort, an dem ich mit meinen Stärken und Schwächen gesehen werde und wo ich mich entwickeln kann. Darauf müssen wir uns besinnen.

Welche Veranstaltungen wird es denn im Kirchenkreis Rantza-Münsterdorf im Jubiläumsjahr geben?

Die einzelnen Kirchengemeinden planen natürlich zahlreiche Angebote, die Koordination liegt bei Pastorin Gabriele Schinkel in Glückstadt. Ein Highlight wird sein, dass das Nordkirchenschiff im Juli während des Stadtjubiläums nach Glückstadt kommen wird.

Den Auftakt macht eine Veranstaltung am 9. November auf Schloss Breitenburg für geladene Gäste aus den Kirchengemeinden. Der Propst wird jeder Gemeinde eine Altarbibel mit dem Text der neuen Luther-Übersetzung überreichen. Ich werde einen Vortrag halten über Heinrich Rantzau, dänischer Statthalter mit Sitz hier bei uns. Er war zehn Jahre lang Student in Wittenberg und wird sogar in den Tischreden Luthers einmal erwähnt. Ein Mensch aus unserer Region hat bei Luther studiert, das finde ich spannend.

Herr Knees, ich merke, Sie sind überzeugter Lutheraner. Was schätzen Sie denn heute an Ihrer lutherischen Kirche?

Ich genieße es, dass ich als Pastor in der Nordkirche einen wunderbaren Freiraum habe, um meine Lebensthemen zu entdecken. Auch nach über 30 Dienstjahren habe ich immer noch das Gefühl, dass ich ganz nah am Nerv der Zeit arbeite und auf meinem eigenen Suchweg jeden Tag ein Stück vorankomme.

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erstellt am 30.Okt.2016 | 08:00 Uhr

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