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Selbsthilfegruppe in Itzehoe : Lügen und Schulden, bis es nicht mehr geht – Ein Ex-Spieler erzählt von seiner Sucht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vor 30 Jahren wurde die Selbsthilfegruppe Spieler Itzehoe gegründet. Die Betroffenen unterstützen sich gegenseitig.

Itzehoe | Am 31. Oktober 2016 zieht Dennis* (*Name von der Redaktion geändert) die Reißleine. Es ist ein Montag, der 28-Jährige arbeitet wie gewöhnlich von zu Hause aus. Als gegen 10 Uhr Gehalt auf seinem Konto eingeht, meldet er sich in einem Online-Casino an. Bislang hatte er vor allem an Automaten gespielt oder auf Fußballspiele gewettet. Heute aber will er etwas anderes ausprobieren. „Vier Stunden später war mein Geld weg“, erinnert er sich. „Danach kamen für mich nur zwei Optionen infrage: Mir wieder eine Lüge einfallen lassen, oder klare Kante machen.“ Er entscheidet sich für die zweite Variante – und hat seitdem nicht mehr gespielt, wie er sagt. Inzwischen besucht er regelmäßig jeden Dienstag die Selbsthilfegruppe Spieler in Itzehoe, die in diesem Monat seit 30 Jahren besteht. „Es ist gut, dort einen Spiegel vor Augen geführt zu bekommen“, sagt er. „Jeder hat mehr oder weniger dieselbe Geschichte. Hinterher habe ich immer ein gutes Gefühl, da gewesen zu sein.“

Angefangen hat es für Dennis ganz harmlos. Als er 18 Jahre alt ist, geht er das erste Mal mit Freunden in die Spielhalle. Er steckt zehn Euro in den Automaten – und ist sofort erfolgreich. „Ich habe gleich beim ersten Spiel 110 Euro gewonnen. Das geht komischerweise ganz vielen Leuten so“, sagt er. Zunächst ist er zwar nicht regelmäßig in der Spielhalle, hat aber schon damals ein leicht ungutes Gefühl: „Das kann ja nur nach hinten losgehen, dachte ich mir“ – lässt sich davon aber dennoch nicht abhalten. Er versucht, vorherigen Erfolgen hinterher zu eifern, verspielt mehr und mehr Geld. Rechnungen werden nicht mehr bezahlt, neues Geld bei Familie und Freunden geliehen. Hinterher hat er immer eine Ausrede parat, wo es abgeblieben ist. Noch glaubt er, sein Spielen unter Kontrolle zu haben.

2012 zieht er in eine erste eigene Wohnung, und spätestens von da an verselbstständigt sich sein Problem: Er geht jetzt auch allein in die Spielhalle und leiht sich größere Summen. Seiner Freundin erzählt er, dass er Überstunden macht oder mit Kollegen Fußball gucken geht. Während der Arbeit studiert er ausländische Sport-Ligen und Gewinn-Quoten, wettet auf Hunderennen und exotische Fußball-Begegnungen. „Teilweise hat das auch Spaß gemacht“, sagt Dennis – „aber trotzdem war es irgendwann krankhaft.“ Je tiefer er rutscht, desto schwerer fällt es ihm, mit seinem Problem aufzuräumen. „Man steigert sich in eine Scheinwelt rein, um sein Lügengerüst aufrecht erhalten zu können. Und irgendwann glaubt man es selbst.“

Doch seine Sucht belastet nicht nur seine Beziehungen und seinen Job. Er kann nicht mehr schlafen und denkt nur noch daran, wie er seine Lügen aufrecht erhalten und an neues Geld kommen kann – bis zum besagten 31. Oktober 2016. „Nachdem das Geld weg war, habe ich mich sofort in einem Forum für Spielsüchtige angemeldet“, sagt er. Als seine Freundin von der Arbeit nach Hause kommt, beichtet er ihr alles und nimmt Kontakt zur Selbsthilfegruppe Spieler in Itzehoe auf. „Ohne Hilfe von außen kommt man davon nicht weg“, sagt er.

Heute hat Dennis’ Freundin die Kontrolle über seine Finanzen übernommen, er selbst erhält wöchentlich zehn Euro Taschengeld. Seinen Job und seine Beziehung haben die Belastung überstanden, langsam aber sicher zahlt er seinen Schuldenberg in fünfstelliger Höhe ab. Und er geht offen mit seinem Problem um. „Ich weiß, wie leicht man da reinrutschen kann.“ Gerade Sportwetten und Onlinespiele würden eine besonders junge Zielgruppe ansprechen. „Wahrscheinlich sind mehr Leute betroffen, als angenommen wird“, ist er sicher – und froh, von seiner Sucht weggekommen zu sein. „Ich fühle mich gut“, sagt Dennis. „Spielen will ich nicht mehr“.

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erstellt am 15.Apr.2017 | 08:38 Uhr

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