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Norddeutsche Rundschau

27. September 2016 | 14:06 Uhr

Wirtschaftspsychologe : Lange Sitzung, wenig Sinn?

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Laut dem Itzehoer Wirtschaftspsychologen Manfred Oetting sind Arbeitstreffen oft unproduktiv. In seinem neuen Buch gibt er Tipps für mehr Effizienz.

Kontroverse Meinungen bei der Versammlung unter einen Hut bringen? Beim Meeting zielführend diskutieren? Führungskräfte und Vereinsvorsitzende können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, Arbeitstreffen erfolgreich zu leiten. Schlüssel zum Erfolg sind laut dem Itzehoer Wirtschaftspsychologen Manfred Oetting Struktur und Psychologie. Jahrelang hat er namhafte Unternehmen wie BMW, die Deutsche Post, Coca-Cola oder auch den Hamburger Senat beraten. Seine Erfahrungen fasst er in dem neuen Buch „Erfolgsfaktor Problemlösung“ zusammen. Selbst eine Familienkonferenz kann davon profitieren.

Herr Oetting, tagtäglich absolvieren Tausende Teams in Büros Hunderte von Sitzungen. Vielfach sind die Teilnehmer am Ende mit den erzielten Ergebnissen unzufrieden, mit dem erforderlichen Zeitaufwand auch. Warum ist das so?
Manfred Oetting: Unser Gehirn hat wunderbare Eigenschaften: Es kann assoziativ denken, das heißt: zu allem Möglichen fällt uns alles Mögliche ein. Wenn mehrere Personen zusammen sind, kann das allerdings auch ein Nachteil sein. Vor lauter Einfällen, Widersprüchen, Bedenken und unvermuteten Wünschen kann eine Versammlung allzu leicht vom Weg abkommen. Geschuldet ist das gewöhnlich einer wenig professionellen Struktur des Vorgehens. Aus dieser Erfahrung habe ich dieses Praktiker-Buch geschrieben, das bei konsequenter Anwendung auch schwierigste Teilnehmerschaften zum allseits akzeptierten Ergebnis führt. Und das in kürzestmöglicher Zeit.

Ihr Buch hält fundierte Erkenntnisse parat, um Entscheidungen in Gruppen stringent herbeizuführen. Dabei geht es erst im vierten Schritt um den Inhalt. Was muss Ihrer Meinung nach vorher Thema sein?
Wenn Menschen auf Probleme stoßen, dann denken sie zuerst über Lösungen nach. Das ist verständlich. Sind aber mehrere Personen beteiligt, dann gibt es sehr schnell unterschiedliche Meinungen. Wenn dann noch Stolz und Ehrgeiz, Rivalitäten und Kränkungen dazu kommen, dann rückt eine konstruktive Lösung in die Ferne. Wir leben in einem komplexen Umfeld, in dem alle Beteiligten in die Problemlösung einbezogen werden sollten. Deshalb gilt: Mindestens 50 Prozent der erfolgreichen Steuerung eines Problemlöseprozesses ist Psychologie. Danach kommt das schrittweise Vorgehen mit dem System, das ich im Buch beschreibe. Schließlich brauchen wir Werkzeuge und Methoden, mit denen wir das Problem lösen wollen. Und erst dann können wir mit der Arbeit am Inhalt beginnen.

Was raten Sie einem Teamleiter, damit das Ziel ohne Umwege erreicht werden kann?
Der Teamleiter braucht ein klares Rollenverständnis: Er ist der Erfüllungsgehilfe des Willens der Gruppe. Das bedeutet, dass da, wo im Prozess Entscheidungen gefällt werden müssen, ausnahmslos Einstimmigkeit der Teilnehmer erforderlich ist.

Sie gelten in Deutschland als Experte für Stressbewältigung. Über Jahrzehnte haben Sie auch große Firmen beraten. Wie hat sich Ihrer Einschätzung nach die Arbeitsstruktur in den Büros verändert?
Eine der wesentlichen Veränderung liegt darin, dass weniger nach Arbeitszeit gefragt wird, sondern dass Erledigung beziehungsweise Zielerreichung verlangt werden. Das kann den Einzelnen oder auch Teams enorm unter Druck setzen. Der Verwaltungsaufwand, zum Beispiel Berichte und Emails, steigt und steigt. An allen Ecken lauert unproduktive Bürokratie. Wenn das noch mit herzloser Führung gepaart ist, dann wird verständlich, warum so viele Mitarbeiter unter Stress stehen. Die Zahlen der Krankenkassen zu den Folgen psychischer Überlastung belegen das.

Ihr erstes Buch „Falle Stress“ hat Ihre Erfahrungen aus Ihrer langjährigen Tätigkeit zusammengefasst. Wie kam es zu diesem Buch?
Was den einen stresst, lässt den anderen kalt. In zahllosen Coaching-Sitzungen und Therapie-Stunden habe ich Neigungen von Klienten herausgefunden, die sie für bestimmte Situationen stressanfällig machen. Irgendwann war ich dann soweit, diese Erfahrungen in meinem Selbsthilfe-Buch „Falle Stress“ zusammenzutragen. Es hilft Betroffenen, sich selbst wiederzuerkennen und andere Wege zu gehen, um ihren Stress wirksam zu reduzieren.

Wann werden Sie mit Ihrer Arbeit abschließen? Und was haben Sie dann vor?
Ein Vorteil meines spannenden Berufes als Wirtschaftspsychologe ist, dass man ihn so lange ausführen kann, wie man sich fit fühlt. Deshalb ist bei mir kein Ende in Sicht. Was ich dann vorhabe? Das fortzusetzen, was ich daneben als Vergnügen habe: Da sind künstlerische Aktivitäten wie Malen und Fotografieren, die Arbeit im Kulturverein „Planet Alsen“, die Arbeit als Vorstand der Sektion Freiberufliche Psychologen im Berufsverband Deutscher Psychologen und last, but not least die Unterstützung meiner liebenswerten syrischen Mieter, die aus besten Verhältnissen in schrecklichste Lebensumstände gestürzt waren. Und bei all dem die Realisierung meines Lebensmottos: Humor ist die Mutter der Psychohygiene!



> Das Buch „Erfolgsfaktor Problemlösung“ ist als Band 77 der Reihe „Arbeitshefte Führungspsychologie“ im Windmühle Verlag erschienen. Es hat 116 Seiten und kostet 17,50 Euro.


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erstellt am 16.Sep.2016 | 05:39 Uhr

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